Warum es ewige Menschenrechte nicht gibt und warum das gut ist

Ein Gespräch mit dem Feuerbringer:

Kulturrelativismus. Das hätte ich nicht von dir erwartet. Entweder das amerikanische – wohl definierte – Konzept der Menschenrechte ist besser als alle anderen, oder das ist es nicht. Entweder es gibt einen echten Unterschied zwischen wirklichen liberalen Rechtsstaaten und jenen, die nur so tun, oder es gibt keinen. Wenn es keinen gibt, ist die USA natürlich auch nicht besser als Nordkorea und der Rest.

Kulturrelativismus hat eine Tendenz in die Richtung zu gehen „alle Kulturen sind gleichwertig“. Du scheinst mir das zu unterstellen. Das habe ich allerdings nicht gesagt. Ich habe klar gesagt, dass mir unser amerikanisches System am besten gefällt und es nach meinem Dafürhalten allen anderen etablierten Systemen überlegen ist. Bis zu diesem Punkt sind wir uns doch einig.

Jetzt kommt der Unterschied: Du scheinst daraus das Recht abzuleiten in anderen minderwertigen Staaten und Kulturen korrigierend einzugreifen und deren System unserem anzugleichen.


Was mir an diesem Punkt gefehlt hat, sind brauchbare Begründungen für das Eingreifen. Die Überzeugung das eigene System sei überlegen, ist für mich nicht wirklich eine Begründung. Mit dieser „Begründung“ kann ja jeder kommen und es kommt auch jeder damit an. Wo ist da noch der Unterschied zu anderen Glaubensgemeinschaften? Ich sehe keinen. Jede Glaubens- und Wertegesellschaft hält sich doch selbst für am Tollsten, auch die westliche. So viel Selbstreflexion muss schon sein.

Man sollte schon bessere Begründungen finden. Die aus meiner Sicht wichtigste Begründung habe ich genannt: Die Menschen müssen sich artikulieren, sie müssen ihren Willen äußern. Das ist ja gerade der Witz der Aufklärung: Sie müssen sich aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) befreien.

Wenn sich eine gewisse Anzahl an Menschen in den „unterdrückten“ Kulturen findet, dann kann man da auch mal einmarschieren, das steht für mich außer Frage. Das war zum Beispiel in Vietnam soweit ich das überblicke der Fall. Die Frage ist nur: Wie viele Menschen sind „genug“? Die Mehrheit muss es sicher nicht sein, da sind wir uns auch einig. Aber reicht es, wenn sich in einem (noch) friedlichen Millionenvolk nur eine Elite aus ein paar hundert Menschen am Westen orientiert und selbst die nur halbherzig? Wenn es gar keine demokratischen Kultur in der Vorgeschichte gibt? Was hat das für Erfolgschancen?

(Ich meine jetzt nicht den Iran, da könnte man schon angreifen, allein schon aus Sicherheitsinteressen. Einziges klitzekleines Problem: Unsere Wirtschaft liegt am Boden.)

Im Prinzip ist das aber immer ein ziemlich heftiger Top-down-approach. Das wurde ja schon oft in der Geschichte vollzogen: Atatürk fällt mir spontan ein. Das funktioniert ein paar Jahre ganz gut und dann scheint man wieder in den Islamismus zurückzufallen. Sollen wir jetzt in die Türkei einmarschieren und den Kemalisten helfen? Wohl kaum. Im Irak, in Ägypten und in Libyen wird es im besten (!) Fall auch nichts Besseres geben als eine zweite, dritte und vierte Türkei. Natürlich ist es gut, dass Gaddafi jetzt weg ist, aber bei Mubarak sieht die Sache schon anders aus. Der war mir persönlich lieber als Erdogan.

Man muss auch immer fragen: Ist der jeweilige Krieg die enormen Kosten und vielen toten Zivilisten und amerikanischen Soldaten wirklich wert oder kommt man vielleicht mit dem Vorleben des American Way of Life ähnlich gut weiter? Stichwort Softpower: Coke, Kino, Menschenrechte. Das ist auch unbedingt ökonomisch zu betrachten. Die westlichen Regierungen bemerken hoffentlich langsam, dass finanzielle Mittel nicht auf Bäumen wachsen.

Man sollte natürlich für die eigenen Werte einstehen, aber man muss das auf intelligente Art und Weise machen. Man hat nicht eine unbegrenzte Anzahl an Shots. Möglichst viele Schüsse müssen sitzen, sonst geht man am Ende als mittelloser Verlierer vom Platz und das Rad des Fortschrittes dreht sich wieder zurück, wie schon öfter in der Geschichte. Im Prinzip ist das immer noch ein Kalter Krieg zwischen liberalen Ansichten und diversen anderen Strömungen, die immer noch bei weitem die Mehrheit der Menschen kontrollieren. Das muss man sich immer vor Augen führen, bevor man Geld auf Nebenkriegsschauplätzen verjubelt.

Zu meinem „Menschenrechtsrelativismus“ stehe ich. Menschenrechte sind nicht selbst-evident und sie sind auch nicht „ewig“. Jeder Mensch versteht darunter etwas anders. Es ist doch gerade der Witz der Menschenrechte, dass sie sich auf das Individuum beziehen und dieses schützen sollen. Also müssen auch alle Menschenrechte von den jeweils betroffenen Individuen ausgehen und dürfen eben nicht „auf ewig“ in irgendwelchen Büchlein „für alle Zeiten“ festgeschrieben werden. Der springende Punkt bei den Menschenrechten ist, dass die betroffenen Menschen immer wieder über diese Rechte argumentieren, sie hinterfragen und sie gegebenenfalls neu aushandeln und wenn nötig auch mit Waffengewalt für sie kämpfen.

Die sogenannten „ewigen Menschenrechte“ unterliegen auch im Westen einem Wandel. Wie groß der Wandel ist, darüber kann man streiten, aber ich finde diesen Wandel extrem. Die Rassentrennung habe ich schon genannt. Das ist doch extrem. Da kannst du so viel von Jefferson erzählen wie du willst. Es kommt nicht auf irgendwelche theoretischen Büchlein an, sondern auf die Realität. Der Text blieb ja immer der gleiche, das ist ja gerade das Absurde an der Monstranz der „ewigen Menschenrechte“. Mit diesen Rechten kann man letztendlich alles rechtfertigen. Es kommt immer auf die subjektiven Interpreten an. Auf eben das was die Menschen in der Realität daraus machen.

Das wichtigste Menschenrecht ist doch sicherlich „das Recht auf Leben“. Auch da ist die Interpretation selbst in den westlichen Staaten sehr unterschiedlich. Für mich als Amerikaner ist die Todesstrafe zum Beispiel unglaublich wichtig. Viele Europäer verabscheuen die Todesstrafe dagegen und bezeichnen sie gar als „barbarisch“. Beide Seiten führen gerne „die Menschenrechte“ als Begründung an. Wie kann das sein, wo die Menschenrechte doch so klar und „selbst-evident“ sind?

Das gleiche Spielchen beim Thema Liquidierung von Terroristen wie bin Laden oder beim Abschießen von entführten Flugzeugen, die das nächste AKW ansteuern: Die Deutschen schalten lieber vorsorglich die AKWs ab, wir holen das Flugzeug vom Himmel. Viele deutsche „Intellektuelle“ betrauern „das Menschenrecht von Osama auf Leben„, wir freuen uns darüber, dass das Schwein endlich tot ist. So sieht es doch aus.

Ich könnte jetzt auch noch die Abtreibung anführen. Bis in die 1970s war Abtreibung in Deutschland meines Wissens verboten. Heute ist es vernünftigerweise bis ganz (!) zum Schluss erlaubt. Das ist eine Regelung in Deutschland, die ich sehr gut finde und die ich bewundere. Ich habe die Urteile mal nachgelesen und in beiden völlig gegensätzlichen Urteilen wurde natürlich „das Recht auf Leben“ und „die Menschenwürde ist unantastbar“ aufgegriffen und zur Begründung herangezogen. In sich logisch ist das nicht.

Wenn man so einen Gummiparagraphen wie „die Menschenwürde ist unantastbar“ als ersten, als wichtigsten, ja als „Ewigkeitsartikel“ in seiner Verfassung hat, dann kann man das nur schwer ernst nehmen. Damit kann man nun wirklich jeden Unsinn der Welt rechtfertigen. Das wird in der Realität übrigens auch gemacht. So werden in Europa nach meinen Informationen auch schon Grundeinkommen, Urlaubsansprüche und Einheitsschulen begründet, um nur ein paar Wahnideen zu nennen.

Durch diesen Humbug werden Menschenrechte entwertet und nicht durch meinen Hinweis, dass sie nicht objektiv, nicht absolut und nicht ewig sind.

Menschenrechte können durchaus für relativ lange Zeit und für sehr viele Menschen gelten, aber dazu sollte man sie wohlüberlegt formulieren und auf wirkliche elementare Rechte beschränken (siehe unser First Amendment). So erhält man am ehesten ihren Wert. Ein Anspruch auf dogmatische Unfehlbarkeit und Unveränderbarkeit gibt es allerdings auch selbst für die elementarsten Menschenrechte nicht. Das habe ich mit zahlreichen Beispielen belegt.

8 Gedanken zu „Warum es ewige Menschenrechte nicht gibt und warum das gut ist

  1. Kann dem nur zustimmen. Die Erschaffer des Grundgesetztes wollten nach 45, und nach dieser Geschichte durchaus verständlich, einfach den ganz großen Wurf. Und mit typisch deutscher Gründlichkeit wurde daher eine Grundrechteliste zusammengezimmert die nun auch wirklich gar nichts auslässt, frei nach dem Motto: Wenn schon, dann richtig. Ich will ganz ehrlich sein: Wäre 9/11 bei uns passiert und hätten wir statt der US Osama jagen müssen, wäre mir das Verbot des Todesstrafe herzlich egal, und die Politik von rechts bis links hätte sich Art.1 in den Allerwertesten schieben können. Hurra das Schwein ist tot, das haben sie gut formuliert. Ich frage mich wirklich ob solche Leute 45 auch vom Lebensrecht von Onkel Adolf geplappert hätten, oder einem der anderen Typen die man in Nürnberg zu Recht aufgehängt hat. Moral und eben auch die Menschenrechte sind halt nun mal nicht ewig, ich will auch gar nicht wissen was mit Mubarak und Gaddafi passiert, wenn sie mal vor Gericht stehen…

    • Danke für die Zustimmung. Es könnte unglaublich schwer sein Menschenrechte auf Dauer zu verteidigen, wenn man sich selbst über ihre elementarsten Eigenschaften Illusionen macht. Das ist ein Kern meines Artikels.

      Eine lustige Anekdote beim deutschen ersten Artikel ist auch, dass selbst die Schöpfer nicht einmal wussten, was er konkret bedeuten soll. Erst die Verfassungsrichter späterer Generationen haben den Begriff „Würde“ mit so etwas wie Inhalt gefüllt, nämlich dann als es um die ersten konkreten Kläger ging, die sich auf die „Würde“ berufen haben. Die Richter haben sich dabei einfach eigenmächtig an Kant orientiert. Beziehungsweise an ihrer Interpretation von Kant. Wer will es ihnen verdenken, irgendetwas musste geschehen. Ob dies allerdings im Sinne der Grundgesetzkommission war, weiß kein Mensch. Von Kant steht nichts im GG. Der erste deutsche Artikel ist bis heute ein wunderbarer Füllartikel. Der Gummiparagraph schlechthin. Man kann darin alles hineinlesen was man will. Und das machen die Deutschen auch fleissig.

      • Allen Schülern den gleichen Unterricht zumuten zu wollen, ist realitätsfremd. Menschen sind nicht gleich. In Deutschland geht der Gleichheitswahn mittlerweile so weit, dass geistig schwer behinderte Menschen aufs Gymnasium gehen sollen – die bewährten Sonderschulen hingegen, will man abschaffen.

        Die Todesstrafe ist u.a. wichtig, weil nur sie Wiederholungstaten sicher verhindert. Ein Toter kann kein weiteres Verbrechen mehr begehen, so einfach ist das. Dieser simple Mechanismus ist wichtig, denn das Wiederholungsrisiko bei bestimmten Verbrechern ist extrem hoch. Interessanterweise wird von diversen Meinungsmachern trotzdem immer wieder und gerne ganz im Ernst behauptet, die Todesstrafe verhindere keine Verbrechen.

  2. Hm, ich kenne nur das Argument, die Todesstrafe wirke nicht präventiv. Abnter das funktioniert bei Triebtätern oder ähnlichem ja nunmal mit keiner Strafe.
    In Deutschland gibt es in Gesamtschulen meines Wissens nach Kurse mit unnterschiedlichen Anforderungen. So wie es auch in der Orientierungsstufe noch war. So musste man für anspruchsvolleren Matheunterricht nicht die ganze Schulform wechseln. Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir in Bildungssoziologie am Ende das Ergebnis, dass die Besten etwas schlechter werden, die Schlechtesten etwas besser und der Durchschnitt gleich bleibt. Bin ich kein Fan von aber eine Wahnidee find ich das jetzt auch nicht. Aber es gibt ja noch andere Argumente (Ghettoisierung usw.).
    Das mit den geistig Behinderten ist aber in der Tat lächerlich und auch sehr gemein gegenüber dem Kinde finde ich. Wissentlich von den Eltern in ein aussichtsloses, rein ideologisch motiviertes Unterfangen geschickt zu werden, das ist die eigentliche Diskriminierung.

    • Bin ich kein Fan von aber eine Wahnidee find ich das jetzt auch nicht.

      Das stimmt, „Wahnidee“ war übertrieben formuliert.

      Aber es gibt ja noch andere Argumente (Ghettoisierung usw.).

      In Amerika ist im Prinzip jede öffentliche Schule eine Gesamtschule. Dies führt in der Tat dazu, dass die Menschen extra wegen den Schulen umziehen. Es bilden sich verstärkt reiche, weiße Vororte heraus, während die ärmeren Schichten in Ghettos zurückbleiben.

      In DL ist es so ähnlich. In meiner ersten deutschen Kleinstadt habe ich meine Kinder auf die nächste Grundschule geschickt, man konnte sich das gar nicht groß heraussuchen (dachte ich jedenfalls). In der Grundschule lag der Anteil von Kindern aus Italien, Griechenland, Türkei, Balkan und Libanon bei 40-50%. Es war eine Grund- und Hauptschule in einem, was die Sache nicht besser machte.

      Sehr zu meiner Überraschung war es dann halb so wild. Meine Kinder haben die Grundschule dort gut überstanden und sie haben dort auch wirklich Schlüsselkompetenzen erworben. Ich habe mich nur immer wieder gefragt, warum dort so viele Kinder aus sozial sehr schwachen Familien sind. Das Einzugsgebiet der Schule war nämlich auf dem Papier nicht schlecht: Es gab ein kleines Wohngebiet direkt an der Hauptstraße, in der Armutseinwanderer wohnten, alle anderen Wohngebiete der Umgebung waren mittel- bis hochklassig.

      Als meine Kinder dann aufs Gymnasium kamen, habe ich den Grund herausgefunden: Die meisten Kinder der oberen Mittelschicht waren von ihren Eltern bewusst in kilometerweit entfernte „freie kirchliche Schulen“ und Waldorfschulen geschickt worden. Und der ganze Aufwand nur, damit ihre Kinder nicht auf die normale Schule mit den vielen Ausländern müssen.

      Und was ich bis heute mit am schlimmsten finde: Das waren in aller Regel Eltern der Alternativ-Grünen-Schickeria-Oberklasse. Elendige Heuchler, die Gesamtschulen predigen und ihre eigen Kinder dann auf Privatschulen schickten.

      Überrascht und schockiert hat mich auch das extreme Gewaltpotential das von diesen „alternativen“ Kindern ausging. In der öffentlichen Grundschule war Gewalt nie ein nennenswertes Problem. Natürlich gab es mal Streit, aber es wurde nie unmenschlich. Denn schon bei kleinen Anflügen relevanter physischer und psychischer Gewalt haben die Lehrer, der Rektor und die Eltern (!) der ausländischen Kinder hart durchgegriffen. Erst auf dem Gymnasium war Gewalt dann wirklich ein Problem. Es wurde richtig brutal. So viele nie erzogene, schwer verhaltensgestörte Kinder habe ich noch nie auf einem Fleck erlebt. Das fand ich wirklich extrem.

      • Krass!
        Ich habe viele linksgrüne Freunde, die auf Lehramt studieren und die sagen auch jetzt gerne schon frei raus, dass sie ausschließlich am Gymnasium – und da auch bloß keins mit Problemkindern – unterrichten wollen. Ein frisch fertigstudierter Lehrer hat mir auch vor der Bundestagswahl erzählt, er sei gegen rot-grün, da die nicht mehr Hinz & Kunz auf ewig verbeamten wollen. Verkehrte Welt.
        Ich war auf einer Grundschule, zwei verschiedenen Orientierungsstufen und am Gymnasium, es gab eigentlich nie ein Problem mit Gewalt. Das Gymnasium (Adolfinum Bückeburg) soll sogar mal einen guten Ruf gehabt haben, als ich da ankam war es aber nur noch ein Wrack, was Ausstattung usw. anging.
        Diese ewig lange Ausbildungsphase, 13 Jahre plus Bachelor/Master ist für die meisten Berufsfelder auch mehr als unnötig aber ich schweife ab..

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