Zum Hirschen.

Michael Remke schreibt für Welt online aus New York über eine etwas andere Liebesgeschichte: „Webb hatte seine neue Freundin mit einem Hirschen verwechselt und sie mit seinem Gewehr ins Bein geschossen.“

Die Flexion im Deutschen ist wirklich schwer. Die Substantive nach Kasus und Numerus bilden in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Ich komme dabei regelmäßig ins Schwitzen. Zum Beispiel in oben genanntem Fall: „Er hatte sie mit einem Hirschen verwechselt.“
– Wie bitte? Mit einem Hirschen?

Für mich ist das bestenfalls ein Beispiel für Dativ Plural: Er hat sie mit vielen Hirschen verwechselt. Aber hat er das? Nein. Er hat sie mit einem Hirsch verwechselt.

Was mich gleich zu meiner Anschlussfrage führt:
Warum gibt es in Deutschland so viele Gasthäuser, die „Zum Hirschen“ heißen?


Der Duden klärt mich an dieser Stelle auf:

Einige Tierbezeichnungen zählen zu den schwach gebeugten Substantiven, das heißt, sie bilden ihren Plural mit -en oder -n und sie weisen diese Endungen auch im Akkusativ, Dativ und Genitiv Singular auf:

der Bär – die Bären – des Bären – dem Bären – den Bären
der Elefant – die Elefanten – des Elefanten – dem Elefanten – den Elefanten
der Hase – die Hasen – des Hasen – dem Hasen – den Hasen
der Löwe – die Löwen – des Löwen – dem Löwen – den Löwen

Bei manchen dieser Substantive hat sich neben der schwachen Beugung im Singular die starke Beugung durchgesetzt. Das Weglassen der Endung im Dativ und Akkusativ Singular ist auch im geschriebenen Standarddeutsch so weit verbreitet, dass es nicht als inkorrekt bezeichnet werden kann. Die Verwendung der Flexionsendungen gilt jedoch als „besseres Deutsch“.

An anderer Stelle kommen die Gasthäuser:

Bei zahlreichen Tierbezeichnungen hat sich die starke Beugung in der Standardsprache durchgesetzt. So wird das Substantiv Schwan heute stark dekliniert: der Schwan, des Schwan[e]s, dem Schwan[e], den Schwan, die Schwäne usw. Die früher im Genitiv, Dativ und Akkusativ Singular und im Plural übliche schwache Endung -en wird heute nicht mehr verwendet. Aus dieser Zeit erhalten geblieben sind Formen mit -en in Namen wie „Gasthaus zum Schwanen“. Entsprechend lässt sich auch die schwache Deklinationsendung in „Gasthaus zum Hirschen“ erklären.

Das Substantiv Hirsch wird heute also wie Schwan „stark“ dekliniert.
Wir lernen: Hirsch und Schwan sind im Deutschen stärker als Löwe, Bär und Elefant.
Und das soll man verstehen? Das ist doch wirklich zum Haare ausraufen zum Hirschen.

Nachtrag
Vielleicht sollte man einfach die Eigenschaftsbeschreibungen der Flexion ändern:
„Zum Hirsch“ sei schwach gebeugt, „Zum Löwen“ stark!

4 Gedanken zu „Zum Hirschen.

  1. Tja, Deutsch ist wahrlich keine einfache Sprache.
    Ich kann da nur Mark Twains genialen Aufsatz “ the awful German langugage“ empfehlen. Er beschreibt dort ebenfalls sehr witzig seinen Kampf mit der deutschen Grammatik.

    • Danke für den Tipp! Einer meiner Lieblingsautoren, aber den Text kannte ich noch nicht. An nachfolgender Stelle beschreibt er sehr schön das Geschlechterproblem:

      Every noun has a gender, and there is no sense or system in distribution; so the gender of each must be learned separately and by heart. There is no other way. To do this one has to have a memory like a memorandum-book. In German, a young lady has no sex, while a turnip has. Think what overwrought reverence that shows for the turnip, and what callous disrespect for the girl.

      Das Mädchen, aber die Rübe. Das ist wirklich schwer.

      • Mit dieser Passage führt er, über hundert Jahre vor deren Erfindung, die feministische Linguistik ad absurdum. Das grammatische und das natürliche Geschlecht haben im Deutschen eben nicht das geringste miteinander zu tun. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie man auf der Unfähigkeit zwischen Genus und Sexus zu unterscheiden, für einen Sprachwissenschaftler eigentlich eine Bankrotterklärung, einen kompletten „Wissenschaftszweig“ aufbauen kann.
        Sowas geht wohl nur in Deutschland.

  2. Na zu der Wissenschaft gehöt doch etwas mehr als die reine Linguistik (oder ist das eine komplett eigenständige „Wissenschaft“? Die in Leipzig machen gerade interessante Dinge).

    Ich weiß nichtmal was Flexion ist. Ups.

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