Facharbeiteradel.

    In Deutschland kürt eine Jury aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten jeden Januar ein „Unwort des Jahres“. Vielleicht will ein Leser nachfolgendes Wort einschicken: „Facharbeiteradel“.

    Erfunden hat diesen Neologismus wohl der „Sozialexperte“ der Bundestagsfraktion der Grünen, Markus Kurth, der damit versucht die Rente mit 63 anzugehen. Die Rente mit 63 kann man kritisieren, aber warum mit dieser absurden Wortneuschöpfung?

    Ein Bekannter von mir begann mit 14 Jahren als Drucker zu arbeiten, mittlerweile ist er über 62 Jahre alt, hat also 48 Beitragsjahre gemeistert, muss aber immer noch jeden Tag zur Arbeit. Dafür steht der arme Kerl zu einer Uhrzeit auf, die den meisten Menschen fremd ist. Seine Schicht beginnt gegen 5.30 Uhr, da aber sein Arbeitsplatz vor einigen Jahren „outgesourced“ wurde, muss er seit einiger Zeit zusätzlich 60 Minuten Fahrzeit mit dem Bus einplanen. Er steht gegen 3 Uhr auf, jeden Tag von Montag bis Freitag, wenn er Pech hat auch am Samstag. Ich sehe schon seit einigen Jahren, dass er die körperlich harte Arbeit eigentlich nicht mehr bewerkstelligen kann. Aber er schleppt sich trotzdem jeden Tag in diese Fabrik. Er könnte auch einfach hartzen, er würde finanziell gesehen nicht wirklich schlechter dastehen – plus extrem viel Freizeit, plus Schwarzarbeit, wenn es doch nicht reicht. Aber dafür ist er zu stolz. Für mich ist der Mann ein Held.


    Gleichzeitig studieren Politiker wie besagter Markus Kurth Politologie (was auch sonst) und beginnen dann im zarten Alter von 27 Jahren (!) mal langsam zu arbeiten – als Mitarbeiter im Fachbereich Soziologie der Uni Düsseldorf. Dann war er „freiberuflicher Politikberater“, dann Mitarbeiter im „Initiativkreis Emscherregion“ und schließlich „Bildungsmanager“ der Heinrich-Böll-Stiftung. – Toll, toll, supertoll.
    2002 dann der Jackpot: Mitglied des deutschen Bundestages.

    Ist es wirklich gerecht, dass Menschen wie Markus Kurth mit ihren körperlich (und geistig!) weit weniger belastenden Berufen zur gleichen Zeit in Rente gehen wie Facharbeiter, die seit ihrer Jugend malochen? Von den Beitragsjahren ganz zu Schweigen: Mein Bekannter muss wohl 51 Jahre einbezahlen, Menschen wie Kurth gerade 38 Jahre, wobei im Spezialfall Kurth sowieso alles Makulatur ist, weil Mitglieder des Bundestages schon nach einem Jahr Mitgliedschaft Pensionsansprüche erhalten.

    Und so jemand bezeichnet Menschen mit einer zwei- bis dreijährigen Berufsausbildung ohne Studium – in Berufen wie Krankenschwester, Drucker oder Schweißer – als „Facharbeiteradel“.

    Wenn Facharbeiter aus Sicht der Grünen die neuen Adligen sind, was sind dann eigentlich die Grünen? Wohlstandsverwahrloste, weltfremde, dumm-dreiste Spinner?

    Addendum 1
    Die Rente mit 63 sieht bisher nach einem Projekt aus, das zumindest in die richtige Richtung geht: SPD und Union flexibilisieren damit endlich das Renteneintrittsalter. In den Medien ist leider oftmals nur von „der Rente mit 63“ die Rede, was suggeriert, jeder könne mit 63 abschlagsfrei in Rente gehen. Das ist nicht der Fall.

    Voraussetzung ist, dass man mindestens 45 Jahre einbezahlt hat. Man muss also spätestens mit 18 Jahren begonnen haben zu arbeiten. In wie weit diese Grenze nun sinnvoll ist oder ob man zu Beginn nicht besser zwei bis drei Beitragsjahre mehr verlangen sollte, damit die Kosten (angesichts der aktuell vor der Rente stehenden Baby-Boomer-Generation) nicht explodieren, darüber würde es sich lohnen zu sprechen.

    Addendum 2
    Was in der deutschen Diskussion oftmals komplett fehlt, ist die Flexibilisierung nach oben: Ich würde zum Beispiel gerne länger arbeiten, in vielen westlichen Staaten wird man allerdings oftmals geradezu in Rente gezwungen. Gerade deutsche Behörden schicken Ärzte oftmals gnadenlos mit Punkt 65 Jahren in Rente. Spätestens mit 67 ist dann bei so ziemlich allen Krankenkassen Schluss.

    Wir halten fest: Erfahrene Fachkräfte werden auf der einen Seite nur aufgrund ihres Alters in Rente gezwungen und auf der anderen Seite wird gejammert, dass man die Renten nicht mehr bezahlen kann. Das ist total verrückt und widerspricht jeder Arithmetik. Wer als Ziel die Durchschnittsrente mit 67 anpeilt, zur selben Zeit allerdings die Rente mit 63 einführt und die Rente mit 75 per se verbietet, muss sich nicht wundern, wenn die öffentlichen Rentenkassen in einigen Jahren kollabieren.

    Wie viel Vertrauen die westlichen Politiker in die von ihnen konstruierten Systeme haben, sieht man daran, wie sie selbst versichert sind: Deutsche Parlamentarier haben in weiser Voraussicht eigene Pensionskassen aufgebaut. Bei Krankenversicherungen funktioniert es genauso: Kaum ein deutscher Beamter ist gesetzlich versichert. In Amerika ist es ähnlich: Eine Behörde hinter dem Monsterprojekt Obamacare ist der heißgeliebte Internal Revenue Service.

    Deren Gewerkschaft drängte schon im Juni 2013 darauf, dass die amerikanischen Beamten ihre eigenen privilegierten Gesundheitspläne behalten dürfen. Man muss das so verstehen: Viele Politiker und Beamte stehen bescheiden zurück, damit allein der normale Bürger in den „Genuss“ der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherungssysteme kommen darf.

    Ist das nicht super großherzig und nett?

7 Gedanken zu „Facharbeiteradel.

  1. Das Fragezeichen am Ende des Satzes ist das Einzige,was m.E. fehl am Platze in diesem Artikel ist: Wohlstandsverwahrloste, weltfremde, dumm-dreiste Spinner?

    Allerdings trifft das nicht nur für die Grünen zu, sondern m.E. für praktisch alle Berufspolitiker mit entsprechendem Studium/Werdegang.

    • Allerdings trifft das nicht nur für die Grünen zu, sondern m.E. für praktisch alle Berufspolitiker mit entsprechendem Studium/Werdegang.

      Das klingt im ersten Augenblick richtig, wenn man dann aber überlegt, ist das schon eine Spezialität der Grünen. Sehr viele Politiker sind bekanntlich „Geisteswissenschaftler“, trotzdem würden Berufspolitiker mit ähnlich Studium/Werdegang wie Herr Gabriel oder Frau Nahles Facharbeiter wohl kaum als neuen Adel bezeichnen. So abgehoben wie die Grünen sind sie dann doch nicht. Zumindest in diesem Bereich.

      • Der Mann war bis zur letzten Wahl frustrierter Nichtwähler und dann hat er einmal AfD gewählt.

        Dazu fällt mir etwas ein: Vor einigen Tagen ging bekanntlich eine „Studie“ durch deutsche Medien „sozial Schwache“ seien nicht mehr repräsentiert in der deutschen Demokratie. Den logischen Umkehrschluss nun endlich die 5%-Hürde abzusenken, zogen die „empörten“ Journalisten freilich nicht.

        Im Gegenteil ich habe die deutschen Berichte über Parteien wie die AfD, Die Finnen oder die Stronach-Partei gesammelt und da war das Credo von Journalisten und Soziologen aus obigen Empörtheitsmilieu eindeutig: Alternative Parteien wählen nur „dumme, weiße, arbeitslose, ungebildete Männer“. Da waren super Formulierungen dabei, vielleicht mache ich mal einen Artikel daraus.

  2. bei dem Begriff ‚Facharbeiteradel‘ handelt es sich um nichts anderes als eine verklausulierte Form des marxistisch-leninistischen Begriffs ‚Arbeiteraristokratie‘. Typisch für die grünen Extremisten, die ihre Herkunft aus der totalitär-verfassungsfeindlichen linksradikalen Latrine niemals werden vertuschen können…

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