Stalin hat gewonnen.

Ein bemerkenswert seltener Artikel in der deutschen taz über die Verharmlosung von Stalin. Im Grunde ist es ein Artikel über die kollektive Verharmlosung von linkstotalitären Systemen an sich. Denn beinahe identische Sätze könnte man auch über Honecker, Mao, Pol Pot und Fidel Castro schreiben:

Es blieb eine halbe Entstalinisierung. Die allermeisten Täter kamen ungeschoren davon, manche Opfer wurden rehabilitiert, viele nicht. Die Geschäftsgrundlage des Poststalinismus lautete: Schweigen von unten gegen eingehegte Gewalt von oben. Das hallt in Russland bis heute nach – in dem zwiespältigen Bild Stalins als Tyrann und Sieger über Hitler.

Und als Schlusswort:

Der Gulag ist nicht Teil des universellen Gedächtnisses geworden, so wie das NS-System. Es gibt keinen mit Spielbergs „Schindlers Liste“ vergleichbaren Film über den niedergeschlagenen Aufstand in Workuta im Sommer 1953. Es gibt keinen mit Claude Lanzmanns „Shoa“ vergleichbaren Versuch, das Sichtbare und das Unsichtbare des Verbrechens zu zeigen. Es gibt kein dem Tagebuch der Anne Frank vergleichbares Zeugnis, das zum Erinnerungsrepertoire des 20. Jahrhundert gehört.

Die Verbrechen des Stalinismus sind weitgehend gesichts- und namenlos geblieben, ohne Reliefabdruck im kollektiven Gedächtnis, ohne Identifikationsfiguren, ohne ästhetische Debatten, wie das Unaussprechliche zu formulieren ist.

Man mag diese narrative Leere als letzten Erfolg des stalinistischen Versuchs sehen, die Opfer auszuradieren.

Wenn man den Autor Stefan Reinecke googelt, findet man beim Perlentaucher diese Aussage: „Stefan Reinecke, geboren 1959, ist Redakteur beim Tagesspiegel. Zuvor arbeitete er viele Jahre für die taz und den Freitag.“

Reinecke ist mit den Jahren offenbar (ähnlich wie Broder, Maxeiner und Miersch) liberaler geworden. Es hätte mich auch schwer gewundert, wenn ein festangestellter taz-Autor so gute Artikel schreibt.

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40 Gedanken zu „Stalin hat gewonnen.

  1. Kein Wunder, dass der Stalinismus verharmlost oder relativiert wird . Die westlichen linken Intellektuellen hatten sich ja in der überwiegenden Mehrzahl ultrapeinlich an den Stalinismus angebiedert.

    Nachlesen kann man das in den ganzen netten Einzelheiten z.B. hier:
    http://diarium-libertatis.de/2012/03/05/hymnen-der-intellektuellen-linken-auf-lenin-und-stalin/
    (wirklich eine Fundgrube)

    Deren ideologischen Nachfahren sind heute die Lehrer, Beamten und Qualtitätsjournalisten der Republik. Und genau das ist der Grund, dass pro Woche dutzende TV-Sendungen über Hitler laufen (man benutze mal die SuFu einer beliebigen Online-Programmzeitschrift), aber kaum eine über Stalin. Wer sollte denn ein Interesse an Stalin-Dokus haben?

    International dürften die Dinge ähnlich liegen.

  2. Ach ja: In den Leserdiskussion zum Stalin-Artikel in der taz sind die Verharmloser und Relativierer auch wieder heftig unterwegs. Da gibt’s schöne Einblicke in den linken Mindset.

  3. Was heißt hier »narrative Leere«…Solzhenitsyns Archipel Gulag oder Shalamovs Erzählungen sind große Literatur. Da ist das linksgrüne Gesindel selbst dran schuld, wenn es die nicht gelesen hat.

      • Ohh, hoppla. Und darf ich mal raten, was man sich als Linksgrüner dabei so denkt?

        Stalin hatte mit Sozialismus/Kommunismus nichts, aber auch gar nichts zu tun. Er hat diese großartige, zutiefst humane Idee irgendwie mißverstanden/mißbraucht.

        Beim nächsten Versuch, das sozialistische Paradies auf Erden zu errichten, machen wir alles besser, großes linkes Ehrenwort. Ich schwör‘ bei der hl. Rosa Luxemburg. 🙂

      • sondern….?

        Les‘ halt den Blog, den er hier bewirbt. 🙂

        Widerlich.

      • Dann gibt es ja wohl keinen Grund, von »narrativer Leere« zu faseln.

        LOL@Skipper!

    • Das stimmt es gibt Bücher. Aber lange nicht so viele wie zum NS-Staat. Schon einmal ein Film zu Stalins Terror gesehen? Schon einmal Weltliteratur zu Maos Verbrechen gelesen? Es gibt zigtausende ‚Intellektuelle‘ und Akademiker, die sich mit Randfiguren wie Pinochet beschäftigen, aber für Mao und Stalin interessieren sich herzlich wenig.

  4. Gewonnen hat Stalin trotzdem nicht. Denn er wird dem Vergessen anheimfallen. Die Linken beschweigen ihn aus guten Gründen und andere als Linke sind öffentlich kaum präsent.

    Dagegen wird Hitlers tausendjähriges Reich mediale Realität. Und auch sonst erfüllen die Linken eifrig den letzten Willen des Führers.

    Denn wie sagte der doch 1945:

    „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“
    (Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler, S. 181)

    Passt doch prima zu den linken Vollidioten, die sich stolz dazu bekennen, den „Volkstod“ zu lieben und auf dem Weg dazu auch schon ein gutes Stück vorangekommen sind.

      • Ja, es ist wirklich sehr schön hier. Überall im Baltikum. Enorm viel Grün, tiefe Wälder, dazwischen ne Menge Seen und Flüsse. Schöne alte Städte. Außerhalb der Städte die meisten Häuser und auch manche Kirchen aus Holz erbaut, in den verschiedensten Farben angestrichen. Die Kurische Nehrung. Und im Winter konnte ich auf der zugefrorenen Ostsee auf dem Eis spazierengehen.
        Die Zeit zum Reisen nehme ich mir insofern, als ich einfach jedes Jahr in ein anderes Land ziehe.

      • Jedes Jahr in ein anderes Land. Interessanter Lebensstil. Wenn man sein Leben aus eigener Hände Arbeit (oder dem Geld von Verwandten/Freunden finanziert), habe ich da nichts dagegen. Im Gegenteil, das bildet.

      • Ich arbeite freiberuflich, so daß ich ortsunabhängig bin, solange ich nur Internet habe (und von Zeit zu Zeit eine Universitätsbibliothek). Ich bin sehr froh, diesen Sprung gewagt zu haben. Ich verdiene zwar weit weniger als vorher, lebe aber auch günstiger und muß daher wesentlich weniger arbeiten.
        Mal sehen, wo es im Herbst als Nächstes hingeht.

      • Das finde ich sehr gut. Das ist dann auch das positive Gegenbeispiel zu der Frau in meinem aktuellen Artikel. Es ist aus meiner Sicht total wünschenswert, dass man sich selbst verwirklicht. Ich bin auch kein Mensch, der die große Karriere und das große Geld will. Suum cuique. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.

  5. Stalin hat nun einmal auf der Siegerseite gestanden – schon allein das macht viel aus.

    Stalin gilt zumindest in der westlichen Welt trotzdem – zu Recht – als zweitgrößter Verbrecher aller Zeiten.

    den Unterschied sehe ich weniger bei Hitler und Stalin, sondern mehr bei Links- und Rechtsradikalen.

    Rechtsradikale müssen sich die Verbrechen Hitlers zurechnen lassen, Linksradikale jedoch nicht die von Stalin:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/04/27/linke-utopie-und-rechte-realitat/

    • „Rechtsradikale müssen sich die Verbrechen Hitlers zurechnen lassen, Linksradikale jedoch nicht die von Stalin.“

      Eine These, die Du ja auch in Deinem Blog vertrittst. Diese Erscheinung als solche ist richtig wahrgenommen.
      Wenn du dort aber weiter schreibst:

      „Im Unterschied zu den Rechtsradikalen, die zu den Verbrechen ihrer Ideologie stehen, meinen es die Linken mit ihrer Distanzierung von realen Sozialismus durchaus ehrlich.
      Man feierte zwar jede linke Revolution der Welt, egal wie blutig sie ausfiel.
      Doch sobald sich der reale Sozialismus entfaltete, wandte man sich angewidert ab.“

      dann ist das einfach historisch nicht richtig. Es gab zahlreiche Linke, die Stalin enthusiastisch gefeiert haben. Erst mit der Erstarrung der Breschnew-Zeit ließ die Begeisterung nach.

      Und auch hinsuichtlich der DDR herrschte bei westlichen – konkret westdeutschen – Linken die Überzeugung vor, dass die eigentlich das bessere Deutschland sei. Von angewiderter Abwendung konnte in der Breite gar keine Rede sein. Das galt auch für die sogenannte undogmatische Linke im wesentlichen, wenn auch mit kleineren Einschränkungen.

      In Gegnerschaft zur DDR und SU befanden sich lediglich Linke, die es mit Mao hielten, also hauptsächlich die sog. K-Gruppen. Ich selber war Ende der 70er beim KBW und du darfst mir glauben, dass sich da niemand angewidert vom real existierenden Sozialismus in China abgewendet hat. Sogar die „Demokratische Volksrepublik Campuchea “ (Kambodscha für Unkundige) unter Pol Pot wurde ausgiebig gefeiert.

      Mir ist das im nachhinein unverständlich und ein Graus, es war aber so.

      • Mao und Pol Pot waren eben nicht real, sondern fern genug, um zu einem idealen Sozialismus verklärt zu werden.

        mit der DDR wurde zwar kooperiert – Konkret und die Friedensbewegung ließen sich üppig finanzieren – als Ideal galt die DDR deswegen jedoch nicht, wenn auch als besser als die angeblich faschistische BRD

        freiwillig in das bessere Deutschland ist natürlich niemand gezogen

        die einzigen West-Linken, die in die DDR zogen, waren die RAFler, denen man dort Unterschlupf gewährte

    • Stalin gilt zumindest in der westlichen Welt trotzdem – zu Recht – als zweitgrößter Verbrecher aller Zeiten.

      Interessante These. Ich muss bei Gelegenheit ein paar – aus meiner Sicht typische – Artikel heraussuchen, bei denen man einen anderen Eindruck gewinnt.

  6. Ein einigermaßen kritischer Artikel über Che Guevara ist auch ausgerechnet in der Taz erschienen.
    Der Marlboro Mann der Linken.
    http://www.taz.de/!5721/
    Gezeichnet wird er darin als: egoman, menschlich ein Arschloch, als Rassist und hemmungsloser Killer. Nur seinem frühem Tod verdankt er diese Verklärung.
    Wie immer, sprechen die Leserkommentare Bände.

    • Der Artikel spielt Kritik nur vor. Seine ‚Verbrechen‘ laut taz: Er machte Sprüche über Bolivianier und war seinen Frauen untreu. Oder in anderen Worten: Man erzählt belanglose Anekdoten aus Guevaras Leben. Den Tacheles zu seinen Verbrechen (seine Kriegsverbrechen, seine Paranoia, sein Spitzelsystem, seine Terrorherrschaft, seine Foltermethoden, seine Massenhinrichtungen) lässt die taz komplett unter den Tisch fallen.

      • …es wird schon erwähnt, dass er sich gerne vorgedrängt hat, wenn es jemand zu erschießen gab. Aber ich lese gern noch Ausführlicheres und Kritischeres zu ihm. Gibt es Lesetips?
        Grüße
        MMe. H.

  7. Warum immer soooo polemisch?
    Natürlich ist es lächerlich, wie ungleich die Dinge behandelt werden.
    Aber ein ernsthaftes Problem für die Welt ist es nun nicht. Ist ja auch deren gutes Recht, Doppelmoral, Unwissen und Heuchelei zu haben.

    • Ist ja auch deren gutes Recht, Doppelmoral, Unwissen und Heuchelei zu haben.

      Von wem sprichst du?

      Aber ein ernsthaftes Problem für die Welt ist es nun nicht.

      Das sagst du als Westdeutscher in der amerikanischen Sicherheitsblase. Für Osteuropa war die Ungleichbehandlung eine Katastrophe. FDR hat Stalin als Verbündeten genommen anstatt ihn zu bekämpfen wie Hitler. Auch für Amerika und andere Teile der Welt war es eine Katastrophe, weil der Kommunismus sich dadurch extrem ausbreiten konnte. Im westdeutschen Auenland hat man davon nur nichts mitbekommen.

      • Ich spreche von den dämlichen Journalisten, die Hitler immer zum ultimativen Monster hochstilisieren und die anderen gerne vergessen oder schönreden.

        Mag schon stimmen mit der Sicherheitsblase aber ob Journalisten mit ihren Artikeln jetzt die Ausbreitung des Kommunismus hätten eindämmen können?

        Hitler hat man auch nicht aus Nächstenliebe bekämpft, den Nationalsozialismus fanden „die Amerikaner“ klasse (laut Dokumenten sahen sie es als gute Ideologie an, um linke Spinner zu verdrängen – lol).

        Grüße

      • Hitler hat man auch nicht aus Nächstenliebe bekämpft, den Nationalsozialismus fanden “die Amerikaner” klasse (laut Dokumenten sahen sie es als gute Ideologie an, um linke Spinner zu verdrängen – lol).

        Das wäre auch der richtige Weg gewesen. Man hätte nicht einseitig Stalin unterstützen dürfen. Die beiden Systeme haben sich in ihrem Krieg extrem geschwächt. Es bestand mehrfach die Chance beide Systeme zu vernichten. Stattdessen hat man Stalin verharmlost und so die Ausbreitung des Kommunismus über die halbe Welt ermöglicht. Im Endeffekt hat das ungleich mehr Leid über die Welt gebracht. Mal abgesehen davon, dass es Amerika ungleich mehr Menschenleben und Ressourcen gekostet hat.

  8. Hä?
    „Die USA“ hat (muss es hier eigentlich haben heißen?) ja Hitler total verharmlost, weil man den Kommunismus so schlimm fand. Also genau das Gegenteil, von dem was du sagst. Die USA haben (hat?=D) doch wirklich ne Menge getan, um die Umsetzung linker Ideologien zu verhindern (unzählige terroristische Akte, Ermordungen etc.),

    • “Die USA” hat ja Hitler total verharmlost, weil man den Kommunismus so schlimm fand.

      Wer auch immer „die USA“ sind, wir haben Hitler nicht verharmlost. Wir haben Krieg gegen ihn geführt, mit Stalin haben wir uns verbündet. Du kannst aber gerne glauben, was du willst. Nur lass mich bitte damit in Frieden.

      • Warum fühlst du dich angegriffen?
        Hitler fand man bis Kriegsbeginn klasse. Hat doch wenig mit Glauben, als mit Fakten zutun.
        Das man nicht Krieg gegen Stalin und die Achsenmächte (also gegen beide gleichzeitig halt)führen wollte, kann ich irgendwo auch verstehen.
        Danach wurde die UDSSR auch nicht gerade abgefeiert?
        Wenn du denkst, dass die Journalisten und Normalbürger, die Stalin verhamlosen, Schuld an der Ausbreitung des Kommunismus haben..naja. Halte ich einfach für fragwürdig. Sehr fragwürdig. Ist aber kein Grund so zu reagieren 😉

      • Ich fühle mich nicht angegriffen, ich widerspreche dir nur. Du sprichst von „Fakten“, aber du nennst keine. Du sagst, „Hitler fand ‚man‘ bis Kriegsbeginn klasse.“ Das ist kein Fakt, das ist eine Behauptung, und eine lausig formulierte noch dazu.

        Wenn du denkst, dass die Journalisten und Normalbürger, die Stalin verhamlosen, Schuld an der Ausbreitung des Kommunismus haben..naja.

        Nein, das denke ich nicht. Ich sprach und spreche von FDR und seiner Regierung. FDR hat Stalin als Verbündeten genommen, anstatt ihn zu bekämpfen wie Hitler. Dadurch konnte sich der Kommunismus so extrem ausbreiten. Das war und ist aus meiner Sicht wesentlich.

        Zu deinem Nebenkriegsschauplatz: Sicherlich gab es Hitlerverehrer in Amerika. Aber wie in allen demokratischen westlichen Staaten kamen auf einen pseudo-intellektuellen Hitlerverehrer, 100 pseudo-intellektuelle Stalinverehrer. Dieses Sentiment war sicherlich mit Schuld daran, dass man Stalin gewähren lies. Entscheidend war letztendlich aber FDR, der das Sentiment in reale Politik umsetzte.

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