Völlig losgelöst von der Erde.

Claudius Seidl für die FAZ:

Folgt uns! Die Geschichte hat den Grünen recht gegeben. Das ist ihr größtes Problem. Das zeigt sich jetzt, 182 Tage vor der Wahl: Das Tor zur Macht bleibt für die Partei der Nettigkeiten verschlossen.

Sie streiten nicht miteinander, sie streiten noch nicht einmal mit den anderen. Sie geben höchstens Noten. Sie haben, wenn sie in die Öffentlichkeit treten, immer die Gewissheit im Gepäck, dass die jüngere Geschichte ihnen grundsätzlich recht gegeben hat. Sie hatten immer Recht, aber was bringt ihnen das?

Und Jakob Augstein für seinen Spiegel:

Man muss kein Christ sein, um die Bedeutung der Auferstehung schätzen zu lernen. Die Auferstehung ist der Sieg des utopischen Denkens. Und zwar im Diesseits. Nicht in irgendeinem Wolkenkuckucksheim. Das ist der Triumph der Utopie über die Hoffnungslosigkeit des Todes. Der Tod kommt daher wie ein Finanzkapitalist und sagt ‚There is no alternative‘ – und dann straft die Auferstehung Christi diese Worte Lügen. Das ist unerhört. Es gibt eine Alternative. Daraus lässt sich lernen, auch für die Politik.

Beide Journalisten gefallen mir mittlerweile sehr gut. Schon Augsteins Kolumne letzte Woche war große klasse. Die beiden machen mir seit einigen Tagen richtig gute Laune. Wenn ich mal wieder lachen will, dann lese ich das Werk eines deutschen Qualitätsjournalisten. Am liebsten Augstein oder Seidl oder Schirrmacher oder wie sie alle heißen.

An Seidls Artikel mag ich besonders wie er mit der Aufforderung „Folgt uns!“ jegliche journalistische Distanz fahren lässt. Seidl gibt zu erkennen, dass er sich als Teil der grünen Bewegung sieht, was jeder schon vorher wusste, aber von Journalisten selten offen zugegeben wird. Im Text selbst benutzt er dann wieder die 3. Person Plural, ganz so als sei er ein distanzierter Beobachter.

Leserkommentare. Was meint der Leser?
Nachfolgend ein paar, wie ich finde, besonders gelungene Kommentare von FAZ-Lesern. Es findet sich kein Kommentator der Seidl zustimmt.

Peter Paul Gansen schreibt:

Die Grünen hatten nicht Recht, aber sie konnten ihre Meinung durchsetzen. Und zwar nicht bei der Bevölkerung sondern bei der politisch-medialen Clique, die dieses Land im Griff hat. Momentan ist damit zu rechnen, dass etwa 8 % der Wahlberechtigten bei der BT-Wahl den Grünen ihre Stimme geben werden. Hingegen scheinen sie 40-60% der Journalisten hinter sich zu haben, hauptsächlich im Zwangsrundfunk aber auch immer mehr in der konservativen-liberalen Presse. Ebenso hat man bei der Hälfte der Politiker von CDU, FDP und SPD den Eindruck, sie wären am liebsten Mitglied bei den Grünen. Und so entsteht der Eindruck ihres Rechthabens dadurch, dass den Grünen schon lange niemand mehr ÖFFENTLICH widersprochen hat, nicht bei der Energiepolitik, nicht beim Thema Einwanderung, nicht in der Europapolitik. Mit katastrophalen Folgen für die Zukunft dieses Landes. Mich stört bei den Grünen am meisten, dass ihnen anscheinend komplett egal ist, wie sehr ihr Auftreten die repräsentative Demokratie in Deutschland kaputt macht.

Elisabeth Müller:

Ich folge nicht, weil die Grünen moralinsauer, extrem selbstgerecht und oberlehrerhaft, fortschrittsfeindlich, intolerant, undemokratisch, dogmatisch, ideologisch und vor allem naturwissenschaftlich-technisch völlig inkompetent sind.

Ralf Kowollik:

Eigentlich haben die Grünen (fast) immer unrecht. Dass sie dennoch so erfolgreich sind, liegt wohl vor allem am Rückhalt, den sie in den Medien genießen. Von der FAZ bis zur taz, von der ARD bis zu n-tv wimmelt es in den deutschen Redaktionsstuben nur so von Grünen-Anhängern.

Otto Sundt:

Die Grünen haben die Feuilletons, sowie die Medien erobert und die SPD. Wozu brauchen sie das Tor zur Macht, wenn sie die Macht schon haben? Es sei denn sie sehen grün als die Farbe des Propheten, dann bleibt noch einiges zu tun und auch dagegen zu tun.

Torsten Gingemeier:

Aus meiner Sicht sind die Grünen in erster Linie eine extrem strukturkonservative Partei alter saturierter Leute, meist ohne Nachwuchs und am Ende ihrer Laufbahn im öffentlichen Dienst oder sonst wie staatsnahen Bereich stehend. Ihr Postmaterialismus ist eine Beleidigung für jeden der finanziell ausgebeuteten jungen Leute die die Dekadenz dieser Leute bezahlen müssen. Fast jeder in meiner Generation kennt die angeblich so toleranten grünen Lehrertypen die einen als Schüler massiv zu indoktrinieren versuchten und ein gewaltiges Problem mit Andersdenkenden hatten. Diese in einem absolut autoritären und intoleranten Staats- und Gesellschaftsverständnis gefangen Leute haben dieses Land in eine immer totalitärere Richtung geführt. Die vielen Denk- und Sprechverbote der Political Correctnes sind ihr Werk. Dies hat der Meinungsfreiheit und Demokratie im Lande zutiefst geschadet. Ihre extreme mediale Dominanz nervt nur noch! Es wird dringend Zeit das der stickig grüne Muff einmal gelüftet wird!

Kommentare zu Augsteins Kolume

mps58:

Frage: Was hat die Führung der katholischen Kirche mit Jakob Augstein gemeinsam? Antwort: Beide leben abgehoben und in Reichtum, entfernt vom Alltag der Menschen, aber verkaufen ihre jeweiligen Ideologien als die einzig heilbringenden.

joseff

Mach mal Pause!

beeblebrockx

Religiöser Wahn statt Realismus.
Selten so einen verqueren politischen Debattenbeitrag gelesen.

kyon

Eine Utopie ist eine Utopie. Darum heißt sie auch so. Sie nützt immer nur wenigen, für die Masse ist sie eine Lebenslüge.

shokaku

Es gibt immer mehr Menschen, die Tatsachen nicht wahr haben wollen. Einer davon schreibt hier jeden Montag eine Kolumne.

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10 Gedanken zu „Völlig losgelöst von der Erde.

  1. „Das Tor zur Macht bleibt für die [Grünen] verschlossen“ im FAZ-Artikel finde ich komisch. Stammt der Artikel von 1982?
    Die Grünen waren in der Bundesregierung, sind an etlichen Landesregierungen beteiligt und führen die Landesregierung eines der größten Bundesländer. Zudem stellen sie die Oberbürgermeister in etlichen Großstädten.

    • Und nicht nur das, sie beherrschen auch den öffentlichen Diskurs in DL. Alle deutschen Parteien folgen den Grünen. Aber für für Seidl ist die Realität nicht der Maßstab. Der Mann ist offenbar in den 80ern stehengeblieben.

  2. Warum überhaupt diese Spinner thematisieren? Ich lese kaum noch Zeitung, TV hatte ich noch nie. Ich krieg jedesmal das Brechen, wenn ich den Dünnschiss lese oder mitkriege, der von deutschen Journalisten zusammengesülzt wird.

    Kein vernünftiger, mit beiden Beinen im realen Leben stehender Mensch, kümmert sich eine Sekunden um diese Bekloppten. Ja, sie haben politischen Einfluß, aber den fördert man nur, wenn man sich noch über diese Leute öffentlich ereifert, und zwar besonders wenn dieses Ereifern in dieser selbstmitleidigen deutschen Art geschieht.

  3. Kein vernünftiger, mit beiden Beinen im realen Leben stehender Mensch, kümmert sich eine Sekunden um diese Bekloppten.

    Das würde ich mir wünschen. Leider haben die vernünftigen, mit beiden Beinen im Leben stehenden Menschen hier scheinbar irgendwie nix zu sagen. Anders ist z.B. wohl kaum erklärbar, dass ein Industrieland wie Deutschland allen Ernstes beschließt, seine Energie mit Photozellen und Windrädern zu erzeugen.

    • Meine Erfahrung ist, das Leute die sich politisch engagieren meist nicht vernünftig sind, sondern zu extremistischen Ideologien neigen.
      Der unpolitische, fleißige Normalbürger ist meist nicht in den Staatsparteien vertreten, insbesondere auf der Brücke der deutschen Titanic.

  4. auch abgesehen vom Inhaltlichen/Ideologischen sind die zitierten Kommentare geistreicher und auch geschliffener formuliert als das, was Augstein & Co. produzieren.

    Augstein ist zwar zum Lachen, aber trotzdem völlig humorlos

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