Regiert Goldman Sachs die Welt?

Heute zeigt Arte eine „Dokumentation“ von Jérôme Fritel und Marc Roche mit dem typisch nüchtern-sachlichen Titel: „Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt.“


 
Skeptische taz
Sogar die taz (!) wird da skeptisch:

Eine arte-Doku erklärt, wie die Privatbank Goldman Sachs die Geschicke der Welt lenkt. Sie ist gut recherchiert, wirkt aber über Strecken zu einfach und plakativ. […] Die gleichnamige Doku, die Arte heute um 20.15 Uhr zeigt, zeichnet ein ebenso singuläres wie dämonisierendes Bild des US-Geldhauses. […] Auch wenn die Sage dahinter schlüssig recherchiert erscheint, ist das alles doch ein bisschen zu einfach gestrickt.

Ein „bisschen“ zu einfach gestrickt. Das hat die taz gekonnt formuliert.

Gewaltige Unterschiede zwischen ORF und ARTE
Auffallend sind die extremen qualitativen Unterschiede zwischen Arte und ORF. Die wirklich schlechte 45min-Version des ORF wurde schon in HD auf youtube geladen. Günther Kogler habe den Film von Jerome Fritel und Marc Roche für den ORF „bearbeitet“. Man sieht es. Zerstört trifft es besser.

Die 70min-Version auf Arte trägt einen ähnlichen Titel, ist aber inhaltlich, soweit ich das überblicke, deutlich seriöser. Der Sprecher bei Arte ist eine Frau, die sachlich bleibt. Große Teile der arte-Doku bestehen zudem aus Einspielern, die im Originalton bleiben und gekonnt mit Untertiteln versehen werden.

Mir ist es ein Rätsel, wie es Menschen schaffen, sich die ORF-Propaganda anzuschauen. Wirklich, es ist mir ein Rätsel. Schon in den ersten Sekunden erfährt man, dass Goldman Sachs ganz extrem böse ist. Profitorientiert und so. Die böseste Bank der Welt, die es jemals gab und jemals geben wird.

Schön! „Botschaft“ angekommen. Das Problem an diesen Filmen: Diese Botschaft wird die ganze Zeit wiederholt. Und ich meine wirklich die ganze Zeit. Fünfundvierzig Minuten lang. Ganz so als wäre der Zuschauer ein kleines Kind mit ADHS und einer massiven Intelligenzminderung. Das ganze Geld scheint bei diesen Dokus in theatralische Musik und Sprecher mit düsteren Stimmen zu fließen. Dafür spart man an der Recherche und an den Fakten.

Das ist schade, denn es gäbe genug Material, um Goldman für immer zu schließen. Vielleicht kommen ein paar dieser Fakten auch in dem ORF-Filmchen vor. Ich persönlich werde es aber nie herausfinden, da ich den repetitiv-verblödenden Michael-Moore-Stil keine Sekunde ertrage.

Ein sachliches Interview und ein paar neue Namen
Wie es geht, zeigt schon eher die arte-Doku und ein Interview mit Marc Roche im arte-Magazin 9/2012. Der Marc Roche, der auch für die arte-Doku verantwortlich ist. Er nennt dort auf Seite 24 ganz sachlich eingebettet ein paar Namen, deren angebliche Verbindung zu Goldman Sachs mir in einigen Fällen nicht bekannt war:

Marc Roche: Heute sitzen zahlreiche „Goldmänner“ in der Regierung Obama.
ARTE: Wie ist das in Europa?
Marc Roche: Goldman Sachs konzentriert sich auf die EU-Kommission. Zu den Beratern der Bank zählen ehemalige EU-Kommissare wie Peter Sutherland, Otmar Issing, Mario Monti und Ex-Kommissionspräsident Romano Prodi, aber auch Politiker wie Tony Blair, Gerhard Schröder und Dominique Strauss-Kahn.

Nicht zu vergessen Mario Draghi. Der Chef der EZB. Bei Leuten wie Gerhard Schröder hingegen weiß nicht einmal Google von einer Beraterfunktion für Goldman Sachs. Ich kann also nicht bestätigen, dass Roche bei allen Namen Recht hat. Aber Schröder hat sich ja bisher noch kein Geld- und Gazprom-Geschäft durch die Lappen gehen lassen.

Noch ein paar schöne Sätze und noch mehr Namen gibt es in einem Artikel von Geoffrey Geuens. Wie Roche ist offenbar auch Geuens für die links-liberale Le Monde tätig:

Dieselben sozialistischen und sozialdemokratischen Spitzenpolitiker, die sich gar nicht scharf genug über die Allmacht der Finanzmärkte äußern können, reagieren weitaus weniger empört auf die Tatsache, dass viele frühere Protagonisten der sozialliberalen Wende inzwischen die Seite gewechselt haben.

[…Aufzählung von Namen…]

Diese Aufzählung mag etwas dröge sein, aber sie dokumentiert, was in den Medien nicht vorkommt: die privaten Interessen des politischen Personals.

[…]

Die routinemäßige Beschimpfung der Finanzmärkte ist eine von PR-Strategen ersonnene politische Rhetorik, die drastisch klingt, in der Praxis aber folgenlos bleibt.

Unsere lieben Finanzminister
Nicht erwähnt habe ich bisher die Namen Robert Rubin, Larry Summers, Henry Paulson und Timothy Geithner. Alle waren sie schon bei uns Finanzminister und alle mit engen Verbindungen zu Goldman.

Summers und Rubin unter Clinton, Paulson unter Bush und Geithner aktuell unter Obama. Bei Geithner lügen sich einige linke Medien gerne in die Tasche, er habe nichts mit Goldman und der Wall Street zu tun. Rein formal ist das korrekt. Geithner wurde aber von Summers und Rubin groß gemacht. Er hat also natürlich einen sehr guten Draht zu Goldman. Obama wollte eigentlich unbedingt Summers als Finanzminister. Summers lehnte allerdings ab und empfahl stattdessen sein Ziehkind Geithner.

Wie haben Paulson und Geithner Goldman konkret geholfen?
Nun es war um den Zeitpunkt der Lehman-Krise im Herbst 2008, als Geithner dafür sorgte, dass sich Goldman Sachs innerhalb von ein paar Tagen von einer reinen Investment-Bank in eine „normale“ Geschäfts- und Kreditbank umwandeln durfte.

Dieser Trick erlaubte es Geithner Goldman heimlich 30 Milliarden Steuergeld als zinslosen Kredit zur Verfügung zu stellen. Der härteste Konkurrent von Goldman, die bekannte Bank Lehman Brothers, lies man dagegen pleite gehen.

Der heimliche Kredit von Geithner kam übrigens erst im Sommer 2011 dank einer Klage von Bloomberg News heraus.

Goldman war damals so tot wie Lehman. Geithner und Paulson haben Goldman aber nicht sterben lassen. Geschadet hat dies Obama und Geithner nie. Der „Kampf gegen die Wall Street“ muss schließlich weitergehen. Mein Popcorn steht schon bereit.

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Ein Gedanke zu „Regiert Goldman Sachs die Welt?

  1. Schon auffällig, dass unter Draghi die EZB plötzlich einen auf FED macht. Aber bzgl. der Namen bei Monti und Prodi ist das schon verbürgt. Ein was macht aber die Reportage klar, die größten Institute müssen zerschlagen werden. Aber ich habe die Befürchtung, dass das max. 2008 durchsetzbar war, damit sie nicht mehr TBTF, SIFI oder was auch immer sind. Niemand braucht diese Großbanken, aber vor allem die richtige Marktwirtschaft nicht.

    Auch ihre Anmerkungen bzgl. Geithner und Obama stimme ich zu, aber ich denke Obama konnte sich nicht ggüber den Lobby-Gruppen behaupten. Man kann nur hoffen, dass die normalem Amerikaner wieder den Mut fassen dagegen zu opponieren. Wie ist ihr Eindruck diesbzgl.?

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