Warum Menschen an Gott glauben

Ein paar mögliche Motivationen in der Welt schön auf den Punkt gebracht.

Welt am Sonntag: Welchen Trost gibt es, wenn das Leben des eigenen Kindes so früh und gewaltsam beendet wurde?

Reinhard Schlitter: Unser Trost ist Gott. Er half und hilft, wo wir aus eigener Kraft nicht mehr können.

→ Trost und Kraft finden.
→ Das Nicht-Aushaltbare aushalten können.


 

Reinhard Schlitter: Ob er über die Gefängnisstrafe hinaus einst zur Rechenschaft gezogen wird, das überlasse ich Gott. Er kann als Einziger den Wert eines Menschen beurteilen. Es befreit ungemein, diese Entscheidung an Gott abzugeben.

→ Nicht endgültig urteilen wollen.
→ Das endgültige Urteil einer „perfekten“ Gerechtigkeit überlassen wollen.

Es gibt sicherlich noch viel mehr Motivationen. Mir scheint viele Beweggründe für Religion haben etwas damit zu tun, dass der Mensch mit den Konzepten Endlichkeit und Endgültigkeit nicht klar kommt. Wir sind Lebewesen, die wissen, dass unser Leben nicht von Dauer ist. Dieser Gedanke ist nicht erträglich. Also „erfindet“ die Menschheit seit jeher Götter und Religionen.

Ein anderer Motivationsstrang für Gott hat wohl etwas damit zu tun, dass wir Sinn- und Bedeutungslosigkeit nicht ertragen. Unser Leben muss einen möglichst großen Sinn haben und unsere Existenz eine möglichst große Bedeutung. Beides lässt sich mit unserer „Hardware“ begründen. Unser Gehirn sucht immer nach Mustern und Kausalzusammenhängen. Nach einem Sinn. Unser Bewusstsein ist dabei sehr auf unser „Ich“ konzentriert. Dass dieses „Ich“ keine Bedeutung, keinen „tieferen“ Sinn haben könnte, macht unser Ego nicht mit.

Ich denke Religion kann man dem Menschen nun wirklich nicht übel nehmen. Im Gegenteil. Wenn man wirklich in allen Lebenssituationen Atheist ist, wird man nicht alle Situationen meistern können. Ich glaube niemand ist in allen Lebenssituationen Atheist. Der Mensch funktioniert nur, wenn er an etwas glaubt und wenn er in unerträglichen Situationen einen Ausweg parat hat.

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14 Gedanken zu „Warum Menschen an Gott glauben

  1. Ja ich stimme Ihnen zu. Aber ich weiß nicht ob das ein Beweis für Gott ist oder nur für die Nützlichkeit der Annahme von Gott. Ich selber bin katholisch erzogen worden. Aber ich habe massive Problem damit wie man einen allmächtigen und gütigen Gott mit dem massiven Leid auf Erden in Einklang bringen kann.

    • Aber ich weiß nicht ob das ein Beweis für Gott ist oder nur für die Nützlichkeit der Annahme von Gott.

      Für letzteres natürlich. Ich selbst bin Atheist seit ich 12, 13, 14 bin. Das genaue Jahr weiß ich nicht mehr. Meine Botschaft war nur, dass man kaum in jeder Lebenssituation Atheist sein kann.

      Mein Gehirn jedenfalls lässt das nicht zu. Jeder dunkler die Situation, desto mehr hält man sich plötzlich mit diesen Dingen auf, anders ist es gar nicht erträglich.

      Jedenfalls ist das bei mir so. Meine rationale Seite „weiß“ ganz genau, dass es keinen Gott gibt, nur will ich das in schlimmen Situationen ganz sicher nicht hören. Meine Patienten sowieso nicht. Die rationale Seite passt dann einfach nicht zur Situation bzw. es ist rational und menschlich den Menschen Hoffnung zu geben.

  2. Da fällt mir ein, was Ann Druyan nach dem Tod ihres Ehemanns Carl Sagan gesagt hat:
    http://www.csicop.org/si/show/ann_druyan_talks_about_science_religion/

    „When my husband died, because he was so famous and known for not being a believer, many people would come up to me-it still sometimes happens-and ask me if Carl changed at the end and converted to a belief in an afterlife. They also frequently ask me if I think I will see him again. Carl faced his death with unflagging courage and never sought refuge in illusions. The tragedy was that we knew we would never see each other again. I don’t ever expect to be reunited with Carl. But, the great thing is that when we were together, for nearly twenty years, we lived with a vivid appreciation of how brief and precious life is. We never trivialized the meaning of death by pretending it was anything other than a final parting. Every single moment that we were alive and we were together was miraculous-not miraculous in the sense of inexplicable or supernatural. We knew we were beneficiaries of chance. . . . That pure chance could be so generous and so kind. . . . That we could find each other, as Carl wrote so beautifully in Cosmos, you know, in the vastness of space and the immensity of time. . . . That we could be together for twenty years. That is something which sustains me and it’s much more meaningful. . . . The way he treated me and the way I treated him, the way we took care of each other and our family, while he lived. That is so much more important than the idea I will see him someday. I don’t think I’ll ever see Carl again. But I saw him. We saw each other. We found each other in the cosmos, and that was wonderful.“

    • Das ist mir zu kalt und zu nüchtern. Ich bin mir heute eigentlich sicher, ich werde auf dem Sterbebett irgendetwas Religiöses veranstalten. Wenn ich meinen Tod denn mitbekomme.

      Auf der anderen Seite ist es ehrlich. Da müsste man dann ja theoretisch auf ewig traurig sein. Die Frau scheint mir aber recht zufrieden. Ich vermute irgendwo findet auch bei ihre eine Abspaltung statt. Oder zumindest eine Habituation an die neue Situation.

      • Selbst Honecker Sarg hatte ein Kreuz drauf und er war ein Betonkommunist.Ich denke wenn er kein Kreuz gewollt hätte dann hätte er vorher dafür gesorgt.Ausserdem habe ich gemerkt Leute die ihre Religion aufgeben verfolgen dafür andere Dinger mit fast religiösen Eifer.Denk doch nur an den ganzen Natur und Ökowahnsinn in DL.Das hat doch fast religiöse Züge

  3. Für mich ist Glaube, glauben können, eine Gnade für die ich dankbar bin. Dass sie mir verloren geht möchte ich nicht.
    Noch etwas:
    Das tägliche Leben bestätigt mich in meinem Glauben und der Glaube hilft mir das tägliche Leben zu meistern.
    Kann ich dafür etwas anderes als Dankbarkeit empfinden?

  4. Für mich ist religiöser Glaube eine Flucht. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, die Härten des Lebens zu ertragen und an ihnen zu wachsen. Wir alle sind dafür ausgelegt zu leiden. Man betrachte nur, was Menschen in Kriegszeiten erleben und ertragen müssen. Es zeugt von fehlendem Vertrauen in die eigene Belastbarkeit und die eigene Kraft sowie von einer gewissen Verwöhntheit, wenn man davor in Dinge wie „Glauben“ flieht. Zweifellos ist diese Reaktion verständlich, aber sie ist eine Schwäche, niemals eine Stärke.

    Der Wunsch, ewig Kind zu bleiben und Geborgenheit im Schutz einer tatsächlichen oder eingebildeten überlegenen Macht zu suchen, ist zudem eine der schlimmsten deutschen Untugenden. Damit einher geht der deutsche Untertanengeist, die Autoritätsgläubigkeit, die Staatshörigkeit, der Haß auf die Freiheit und die Freien, die Scheu vor Verantwortung, die Disposition zum Faschismus.

    Zum Erwachsenwerden, zum Mündigwerden gehört die Erkenntnis und die Entscheidung, daß am Ende man selbst derjenige ist, der seine Probleme in die Hand nehmen muß. Selbst wenn man nichts „dafür“ kann, daß man in der Scheisse sitzt, ist man immer der einzige, der am Ende was „dagegen“ kann.

    • Für mich ist religiöser Glaube eine Flucht.

      Ja das ist der Glaube. Flucht. Abspaltung. Verdrängung.

      Das hört sich jetzt heroisch an, was Sie schreiben. Ich halte das aber nicht für heroisch. Ich habe in meiner Zeit als Arzt noch nie jemanden gesehen, der nicht mit Abspaltungen und Verdrängungen arbeitet.

      Das ist ja die Aussage meines Artikels. Ohne diese Mittel geht es nicht. Jeder Mensch wendet diese Methoden in Extremsituationen an. Und wenn Sie sagen, Sie wenden das nicht an, dann lügen Sie sich aus meiner Sicht nur in die Tasche. Ist ja auch nicht schlimm. Ist auch ein guter Fluchtweg. Der beste Trick ist der, den man nicht erkennt.

      • Verdrängung und religiöser Glaube sind sehr verschiedene Dinge.

        Verdrängung kanalisiert und dämmt die Flut der Emotionen um den Verstand zu schützen.

        Religion ist die bewußte Aufgabe des Verstandes, UND des Kampfes.

        Religion ist Glaube, Verstand ist Skepsis und Zweifel. Religion ist Kollektiv, Flucht in Religion der verzweifelte Versuch das eigene Leiden zu sozialisieren. Verstand ist Individuum.

  5. Lieber American Viewer,
    den tröstenden, sinngebenden Charakter den Religion hat kann ich verstehen. Hier ist sie aber auf die Privatsphäre beschränkt. Dieser tröstende Charakter wurde auch von Religionskritikern gesehen.
    Man darf aber auch die Kehrseite der Religion nicht übersehen :
    – Missionarismus
    – Religionskriege
    – Unterdrückung der Wissenschaft
    – Hinrichtung Andersdenkender.
    Ich finde, dass eine Geisteshaltung, die auf Glauben beruht anfällig für obige Auswüchse ist.
    Die Frage ist doch ob der wohltuende Teil der Religion ohne den anderen zu haben ist. Vielleicht hat Europa ja einen Weg gefunden?
    Grüße
    Arthur

    • Danke für ihren Kommentar. Aufgrund der negativen Seiten von Religion, bin ich Atheist. Es gibt allerdings Situationen, da ist es sehr nützlich, wenn Arzt und Patient in ernsten Situationen in den „Religions-Modus“ wechseln können. Ich kann das ganz gut.

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