Wer ist schuld an Breivik? Sind es die Advocates of Silence?

Das ist ein Artikel, den ich schon lange im Kopf habe. Warum ich ihn nicht vorher geschrieben habe? Ich denke, ich wollte unterbewusst das Breivik-Urteil abwarten. Ich wollte sehen, ob die Richterin und die Medien das wirklich durchziehen.

Sie haben es durchgezogen.

Ermutigt hat mich ein Satz, den ich heute im Tagesanzeiger gelesen habe: „Bislang hat es keine ernst zu nehmende Partei gewagt, Breiviks Taten als etwas anderes als puren Wahnsinn zu klassifizieren.“ So sehe ich das auch. Nicht nur die Politiker, sondern auch die meisten Menschen halten Breiviks Tat für puren Wahnsinn.

Gleichzeitig aber, und das war für mich das Interessante, wollten viele dieser Menschen, dass Breivik in seinem Strafverfahren nicht für „wahnsinnig“ erklärt wird. Diese heuchlerische Doppelbödigkeit fasziniert mich bis heute.


 
Bekanntermaßen betrachte ich Breivik als geistig schwer krank. Nicht nur, dass er es ist, nein, meine Diagnose hat auch den unschätzbaren Vorteil, dass man die Frage nach dem „Warum?“ sehr einfach beantworten kann. Diagnostiziert man Breiviks Schizophrenie, kann man es sich vernünftigerweise ersparen, die extrem bizarren Äußerungen Breiviks ernst zu nehmen.

Schizophrenie ist eine Krankheit, die sich gerne und rasant bei jungen Männern im Alter zwischen 18 und 30 Jahren entwickelt. Ihre Ursachen sieht man vor allem in der Genetik. Ein wesentlicher Einfluss der Umwelt konnte noch nie bewiesen werden. Damit ist meine Ursachenforschung abgeschlossen. Ich muss das irre Gebrabbel eines Schizophrenen nicht interpretieren, denn es ist nicht rational.

Anders sieht es aus, wenn man bei Breivik keine Schizophrenie diagnostiziert. Damit gesteht man ihm das zu, was er so unbedingt wollte: Rationalität. Man wird sich dann dummerweise den Unsinn von Breivik anhören, wenn man wissen will, was ihn angeblich „motiviert“ hat. Gewisse Journalisten, Politiker und Soziologen haben das von Anfang an gemacht. Sie hingen an jedem Wort von Breivik und nahmen ihn quasi wörtlich. Alles was ihnen gefallen hat, wurde benutzt, um politische Gegner schlecht aussehen zu lassen.

So ist zum Beispiel eine bekannte politisch korrekte Mainstream-Theorie, dass Menschen wie Henryk M. Broder den Attentäter motiviert haben. Diese Theorie wurde gleich in den ersten Tagen nach dem Attentat verbreitet und im Grunde lebt sie bis heute fort. Ein durchschaubar primitives Spiel, das Kritiker wie Broder mundtot machen soll. Diese Theorie besagt: Wenn wir Menschen wie Broder verfolgen und mundtot machen, dann wird es keine Breiviks mehr geben. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass diese Theorie nicht funktionieren kann.

Ayaan Hirsi Ali dreht den Spieß um.
Bei der Verleihung des Axel-Springer-Ehrenpreis im Mai 2012 hat Ayaan Hirsi Ali in ihrer Dankesrede wunderbar inkorrekt auf diese Vorwürfe reagiert. Sie hat den Spieß einfach umgedreht. Ich vermute Ali hat sich gedacht: „Ihr wollt Breivik wirklich wörtlich nehmen? Ok, dann nehmen wir ihn doch wörtlich! Was steht denn in seinem Manifest? Steht darin, dass Broder und ich Breivik motiviert haben? Nein! Breivik hat immer wieder erklärt, dass er sich verfolgt fühlt. Von wem verfolgt? Von Henryk M. Broder und Ayaan Hirsi Ali? Natürlich nicht. Breivik sagt immer seine Inspiration waren die Advocates of Silence. Von diesen Leuten fühlt er sich bedroht. Wenn also jemand anderes als Breivik selbst Fehler gemacht haben soll. Warum wir? Warum nicht die Advocates of Silence?!“

Wie gesagt ich halte Breivik Aussagen für Unsinn. Auf die Äußerungen eines Schizophrenie-Kranken muss man nicht reagieren. Aber wenn gewisse Leute Breivik wirklich ernst nehmen wollen, dann sollten sie ihn auch ernst nehmen. Und nicht nur so tun als ob.

Nachfolgend ein Video von Alis Rede. Das Transkript lohnt sich noch mehr,
denn man ist damit viel schneller an den entscheidenden Stellen.

Mögliche Ergebnisse der Advocates of Silence.
Hervorheben möchte ich Alis Argumente, die erklären was passiert,
wenn man Meinungen so massiv wie in Europa unterdrückt:

First, silence does nothing to help those affected by the failure of integration. A poor man needs food and shelter, and ideally employment. But what he needs even more is to understand why he is poor while another is rich. He needs to understand what he himself can do to improve his situation.

Secondly, silence empowers rather than weakens the populists and the extremists. When the political mainstream censors itself, the populists and extremists can represent themselves as the only people capable of addressing one of the major issues of our time. By breaking the taboo, they win trust and respect on that issue even as the parties of the establishment lose trust. Some newspapers – I will not mention them by name – may choose not to publish critical voices, but those in society for whom the presence of Islam is a problem can now simply click on their favorite blogs.

Thirdly, and perhaps most seriously, silence empowers the Islamists, the radical agents of hatred. The young Muslim dropout, who is morally confused, is approached by a confident Islamist with a not so hidden agenda. The Islamist’s potential rivals in the struggle of hearts and minds – the Christians and the humanists – have been silenced by the kind of inhibitions I have already described. Muslim ghettoes in Europe today are exposed without censorship to the siren song of jihad, of martyrdom, of Sharia law, of hatred and self-exclusion. Here is an extreme ideology just as abhorrent as the neo-fascism of a Breivik. Yet to speak out against radical Islamism is to be condemned as an Islamophobe.

Fourthly and finally, that one man who killed 77 people in Norway, because he fears that Europe will be overrun by Islam, may have cited the work of those who speak and write against political Islam in Europe and America – myself among them – but he does not say in his 1500 page manifesto that it was these people who inspired him to kill. He says very clearly that it was the advocates of silence. Because all outlets to express his views were censored, he says, he had no other choice but to use violence.

Die Methoden der kleinen Tyrannen dieser Welt.
Deshalb hat mich die extreme Berichterstattung der westlichen Medien im Fall Pussy Riot auch so gestört. Das sind die gleichen Medien, die lautstark Beifall klatschen, wenn Menschen im Westen wegen Meinungsverbrechen bestraft oder gar jahrelang ins Gefängnis müssen. Ich kann diese Medien nicht ernst nehmen. Das ist Heuchelei pur.

Aktuell wird Richard Millet wegen seinen provokativen Äußerungen zum Fall Breivik angegangen. Argumentativ ist er nicht so weit weg von Ayaan Hirsi Ali. Man muss seine Meinung ja nicht teilen, aber die Medien schreien schon wieder nach „Konsequenzen“.

Das ist nichts weiter als der Ruf nach Repressionen. Das sind die gleichen Menschen, die vor einer Woche noch so getan haben, als wären sie für Meinungsfreiheit.

Ich habe das Gefühl der Westen und vor allem Europa ist voller kleiner Tyrannen. Formal ist man für Meinungsfreiheit, aber sobald man die Möglichkeit dazu hat, werden unliebsame Äußerungen kaltgestellt.

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26 Gedanken zu „Wer ist schuld an Breivik? Sind es die Advocates of Silence?

  1. Zugegeben, mir fällt es schwer zu unterscheiden wenn jemand provoziert, warum er provoziert. Ob er tatsächlich so denkt oder nur durch eine Provokakation in einer bestimmten Absicht Fragen aufwerfen möchte, um dadurch eine ganz andere Sichtweise anzuregen oder zu besonderen Einsichten zu kommen.
    Ein Bild soll helfen zu verdeutlichen, was ich meine:
    Ein Maler malt ein Objekt naturgemäß aus einem ganz bestimmten Sichtwinkel heraus. Diese „Eindimensionalität“ durchbricht er, indem er das Modell aus einem anderen Gesichtswinkel betrachtet, ja sogar es umschreitet, um die Rückseite zu sehen. Man ist geneigt die Frage zu stellen, was das bringen soll? Die Rückseite ist eh nicht zu sehen. Sicher scheint mir zu sein, dass dieser umfassende Rundumblick hilft, dass Modell adäquat abzubilden.

    Was soll ein „Künstler des Wortes“ machen? Er kann das Problem nur mit Worten „umschreiten“, um es umfassend darstellen zu können.
    Kann es sein, dass Millet genau das gemacht hat?
    Deshalb muss er nicht genauso denken, wie er geschrieben hat.
    Bei anderen Schriftstellern geht man sogar davon aus, dass sie nicht so denken, wie sie schreiben.
    Oder ist jemand der Meinung, dass Rowling so denkt wie Harry Potter oder ihre anderen Romanfiguren?

    Verständnis habe ich für diesen Denkansatz von Millet. Letztlich ist m.E. die derzeitige Situation bei der gesellschaftlichen Bewertung der „Ausländerfrage“ der Urgrund für das Handeln von Breivik. Das bedeutet, den Grund für sein Handeln haben wir, die Gesellschaft, gelegt. Das gilt unabhängig davon, ob er straffähig ist oder nicht. Der Grund für sein Handeln wird nicht durch eine Krankheit oder Nichtkrankheit gelegt, sondern er ist unabhängig davon, quasi extern vorhanden.

    Soweit, so gut oder besser so schlecht?
    Wir, lieber Viewer, sind der Meinung Breivik ist krank und schuldunfähig. Diese Annahme ist einfacher für die Bewertung der gesellschaftlichen „Mitschuld“, weil die Gesellschaft, also auch ich, dadurch exculpiert werden. Denn was kann ich für die Krankeit dieses Mörders?
    Aber vielleicht wollte das Gericht genau diesen EEffekt nicht erreichen? Ich spekuliere einfach mal.
    Das Gericht ist ebenso frei wie ich, sich dieser oder jener Gutachtermeinung anzuschließen. Deshalb habe ich auch kein Problem damit das Gerichtsurteil anzunehmen.
    Für Breivik ist es leichter zu akzeptieren, dass er straffähig ist, verliert er dadurch doch den Status des „Irren“ der etwas getan hat, wofür er eigentlich nichts kann. Seine Tat würde abgewertet werden. Jetzt geht er voller Stolz in seine Zelle und tritt gerne seine Strafe an, in dem Bewußtsein das aus seiner Sicht Notwendige getan zu haben, um die Gesellschaft aufzurütteln.

    Es kann sein, dass ich vor einigen Tagen irgendwo anders einen anderen Standpunkt zu Breivik’s Gesundheitszustand und Straffähigkeit geschrieben habe. Es hat mich im Laufe der letzten Wochen wirklich „hin und her gerissen“.
    Aber, im Augenblick ist das mein Erkenntnis- und Meinungsstand.

    • Der Grund für sein Handeln wird nicht durch eine Krankheit oder Nichtkrankheit gelegt, sondern er ist unabhängig davon, quasi extern vorhanden.

      Das kommt darauf an. Ich sage ja Breivik hat eine Schizophrenie. Bei der Schizophrenie, dass habe ich ja nun schon oft erklärt, spielt das Externe keine Rolle. Schizophrenien täuschen einen externen Input vor, wo gar keiner besteht. Schizophrenien sind Imitationen.

      Ein Lehrbuchbeispiel: Ein Schizophrenie-Kranker glaubt er werde von der Mafia verfolgt. Sein Beweis: Überall würden Menschen Sonnenbrillen tragen und überall sehe er schwarze Autos. Das seien alles Mafiosi, die ihn verfolgen, das sei doch offensichtlich. Der externe Input sind hier Sonnenbrillen, schwarze Autos und Mafiosi. Aber natürlich nimmt man das in diesem Fall nicht ernst.

      Die Richterin hat im Fall Breivik aber bekanntlich anders entschieden. Damit hat sie den Wahntheorien von Breivik wirklich einem externen Input zugeschrieben.

      Der Streit besteht nun darin, worin der externe Input besteht.

      Die Richterin, die Medien und die Politik meinen offenbar der externe Input seien die Äußerungen von Broder und Co. Man müsse diese Äußerungen nur lange genug unterdrücken, dann gebe es auch keine Breiviks mehr.

      Ayaan Hirsi Ali dreht den Spieß sehr geschickt um. Der externe Input bestehe genau im Gegenteil. Breivik ist ein Produkt der Unterdrückung, ein Produkt der Advocates of Silence. Und je mehr Totschweigen es gibt, desto mehr Breiviks wird es geben.

      Da ich absolut gegen die Unterdrückung von Meinungen bin, ist es klar, dass mir die Theorie von Ali viel besser gefällt.

  2. Eines der Lieblingszitate der Linken war immer: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit!

    Dementsprechend gilt wohl auch: Meinungsfreiheit ist Einsicht in die Richtigkeit der Regierungsmeinung!

    • Sehr gut.
      Da passt auch:

      „Kapitalismus ist Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.“

      Und dann versuchte man uns zu erklären, dass es im Sozialismus genau andersrum ist…

    • ^^ Sehr schön … Aber noch eine Klarstellung: Das ist kein Zitat der Linken, sondern von Hegel in seinen Grundlinien des Rechts. Ich kann hier nur einen sehr groben Abriss geben. Aber die Idee ist, dass die Notwendigkeit gleichzusetzen ist mit der Vernunft. Ich kann jetzt nicht genau das Zitat hier einfügen, weil meine Ausgabe in den Umzugskartons schlummert. Aber es ist entweder in der Einleitung oder am Anfang, wo er ausführt was Freiheit und Willkür ist. Die Argumentation ist in etwa die, dass Willkür und Freiheit oftmals fälschlicherweise gleichgesetzt werden. Denn totale Freiheit (ich kann machen was ich möchte) ist letztlich ebenso Willkür. In Wirklichkeit besteht die Freiheit für Vernunftswesen in der Vernunft und deren Bejahung. Hinzu kommt, dass die Welt substantiell nicht unvernünftig ist und das die Willkür nur eine Laune der Zeit ist, während die Vernunft durch die Identität mit dem inneren Kern der Welt notwendig ist. Also an sich gar kein doofer Gedanke. Die Frage ist, wer sich damit wirklich ernsthaft beschäftigt. ; )

      • Hegel ist für mich links. In vielen Bereichen sogar typisch links. Prätentiöses Gerede ohne Inhalt. Es ist kein Zufall, dass Marx und Co so von ihm inspiriert wurden.

      • Hegel ist sowas von überhaupt nicht links … ich liege wohl nicht falsch, wenn ich annehme, dass Sie keine Zeit für eine Hegellektüre haben?! Aber hier mal ein kleiner Ausschnitt Ludwieg Siep über „Selbstverwirklichung, Anerkennung und politische Existenz. Zur Aktualität der politischen Philosophie Hegels.“ Das ist mit Sicherheit alles, aber nicht Links. Das sind seehr konservative und humanistische Einstellungen.

        „Aber Hegel war, wie Goethe, der Auffassung, das permanente Jagen nach Authentizität sei ein Mißverständnis der geistigen Natur des Menschen. Sichanderswerden, Selbstentfremdung und ihre Negation müßten vielmehr als notwendige Phasen im Zu-sich -kommen des Geistes verstanden werden, der schließlich die Souveränität erreiche, im scheinbar Geistfremden zu hause zu sein. Das gilt zum einen für die Bildung des Individuums durch Aneignung von traditionellen Kenntnissen und Verhaltensweisen, von sozialen Konventionen, technischem Know-how und rechtlichen Prozeduren.

        Es gilt zum anderen auch für seine Mitwirkung an der Selbstartikulation und Selbstreflexion einer Kultur. Als eine solche kann man den Begriff des „Volksgeistes“ verstehen, der sich in den unbewußten und bewußten Handlungen der Individuen und Institutionen ausdrückt und zum Gegenstand werden kann – sei es zum Gegenstand der Kodifizierung von Rechten, der Bestimmung des Gemeinwohls oder auch der Wissenschaften, die sich der Auslegung der Gesetze, Institutionen und der Kultur eines Volkes widmen.

        Die bewußte Teilhabe an dieser Kultur und das Verständnis der Rolle, die das Individuum darin spielt, ist für Hegel der einzige Weg, zu einer nicht permanent rebellierenden, sondern sich erfüllenden Selbstverwirklichung. Die ständige Rebellion wird nicht wirklich frei – weder von dem was sie negiert, dem entfremdeten Zustand, noch von den Geistern und Kräften, die sie ruft und freisetzt. Sie kommt nicht zur Selbstverwirklichung in den Gegenständen und Konstellationen ihres Handelns.

        Autonome Selbstverwirklichung fordert Vereinigung mit Individuen und Gemeinschaften in einer rechtlich-politischen, sowie ästhetischen, religiösen und wissenschaftlichen Kultur. In deren Rechtsverfassung muß das Individuum „Mitgesetzgeber“ sein, aber nicht im Sinne Rousseaus und Kants als direkter bzw. repräsentierter Teilnehmer einer permanenten Erneuerung des Gesellschaftsvertrages durch Rechtsgesetze. Sondern durch eine Form der öffentlichen bzw. politischen Existenz, die mit seinen persönlichen Interessen und seinen gesellschaftlichen Funktionen und Kompetenzen vermittelt ist.“

      • Der Einfluss von Hegel auf die Linken ist offensichtlich. Die Linkshegelianer haben sich durchgesetzt.

        Ich habe einmal die Phänomenologie des Geistes versucht, weil ein sehr guter Freund das gelesen hat, der schlechter Deutsch kann als ich. Ein schlimmes Buch. Wie ich gesagt habe: Prätentiöses Gerede ohne Sinn. Das ist meine Meinung. Aber mein Freund fand es super. Er hat dann auch am MIT studiert und ich nicht. Vielleicht ist es also auch einfach ein Intelligenzproblem von meiner Seite aus. Aber Texte, die nicht verständlich geschrieben sind, lehne ich ab. Hegel versteckt seine banalen Aussagen in komplizierten Schachtelsätzen. Das steht nichts dahinter. Genau wie bei Marx. Ich stimme in dieser Hinsicht Schopenhauer voll zu.

      • Was sicherlich noch interessant sein könnte aus dem Text von Siep (http://www.hegel-system.de/de/v3233siep.htm):

        „Man kann nicht bestreiten, daß Hegels Konzeption der Selbstverwirklichung ein gerütteltes Maß an sozialem Konformismus enthält. Gewissenstäter und Sozialrevolutionäre haben die Rationalität einer arbeitsteiligen Gesellschaft und ihrer verschiedenen ausdifferenzierten Systeme in aller Regel nicht begriffen. Sie verstehen auch die historische Logik der Ausbildung des modernen Staates nicht. Statt dessen versuchen sie, ihre privaten Meinungen zu öffentlichen Standards zu machen und üben damit Gesinnungszwänge gegen andere aus. Wechselseitige Anerkennung setzt den Verzicht auf öffentliche Durchsetzung privater moralischer Urteile, auch eines nicht-rechtskonformen Gewissens voraus. Das beinhaltet eine zumindest phasenweise Entfremdung vom eigenen Selbstbild.

        […]

        Gewiß hat Hegel nicht an das Tempo moderner Gesetzes- und Rechtsreformen gedacht. Wie für Rousseau, so ist auch für ihn die Zahl der Gesetze klein und ihre Veränderungsbedürftigkeit gering. Zugleich kritisiert er aber schon früh die mechanistische Vorstellung des Rechtes als exakt bestimmbarer und lückenlos wirksamer „zweiter Natur“ bei Kant, Fichte und dem frühen Schelling.

        Zwar muß das Recht zur gesinnungsunabhängigen sozialen Realität werden. Dafür muß es Kodifikationen, stabile Verfahren und gewohnheitsmäßige Rechtsgesinnung geben. Aber alle mechanischen Formen des individuellen und des Gemeingeistes müssen vor Verknöcherung, und dadurch, wie Hegel in enger Anlehnung an naturphilosophische Gedanken feststellt, vor dem geistigen Tode bewahrt werden. Dann aber ist die Fortbildung des Rechtes durch Abweichungen und die Belebung sozialer Konventionen durch individuelle Interpretationen eine Notwendigkeit für den lebendigen Geist der Sitten und Institutionen.

        Nach dieser, in Hegels Texten allerdings nicht sehr expliziten, Konzeption würde Selbstverwirklichung in sozialen Rollen erfordern, diesen Rollen und Funktionen den eigenen Stempel aufzudrücken, sie – analog zur Inszenierung von Kunstwerken – nach der eigenen Einsicht in das Notwendige und Zeitgemäße, auf persönliche, in Maßen auch innovatorische Weise zu „inszenieren“. „

      • Ja wer sich zuerst an der Phänomenologie versucht, der versucht ein Melonenmüsli mit ganzen Früchten. Das ist mit Sicherheit nicht der geeignete Punkt für eine Hegellektüre. Das geht im allg. sowieso wenig ohne eine gewisse Vorkenntnis. Zumindest Platons Menon, Gorgias und Politeia sollte man halbwegs kennen.

        Was sowieso sehr zu empfehlen ist … allen anderen phil. Lektüren voraus. Nicht weil jeder dem dort zustimmen wird, sondern weil die __Diskussion__ der Probleme dort wirklich präsentiert wird.

  3. Ich vermute, das sowohl die massive DIskrepanz zwischen der öffentlichen und medialen Darstellung und politischen Behandlung des Islam sowie der Verhaltensweisen muslimischer Einwanderer und der subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen, dafür sorgen wird, das es in Zukunft zu wesentlich mehr Gewalttaten nach Breivikschem Muster kommen wird.

    Wenn nur beschönigt wird, wenn durch Druck, Mobbing, politische und andere Mittel Schweigen erzwungen wird, dann bleibt eben irgendwann nur Gewalt.

    • Danke für den Kommentar.

      Wenn nur beschönigt wird, wenn durch Druck, Mobbing, politische und andere Mittel Schweigen erzwungen wird, dann bleibt eben irgendwann nur Gewalt.

      Ich sehe das so ähnlich.

      Im Prinzip ist das die „Repressionstheorie“, die bei anderen Themen nur zu gerne von Linken angeführt wird. Praktisch jeden Terroranschlag erklären die Linken mit Repression. Nur wenn es ein „rechter“ Terroranschlag gewesen sein soll, wollen die Linken von ihrer Theorie nichts mehr wissen. Da soll dann plötzlich das Gegenteil stimmen: Schuld an Breivik sei zu wenig Repression gewesen! Das ist Heuchelei pur.

      Ich vermute, dass diese heuchlerische Politik mehr Breiviks produzieren wird und nicht weniger.

    • „…dann bleibt eben irgendwann nur Gewalt.“
      Zumindest sollte man sich mit dem Gedanken beschäftigen, dass dieser Effekt uU gewollt ist.

  4. Noch eine Anmerkung: Bezeichnend und klar für Frau Alis Argument sprechend, ist ja auch das Breivik sich eben nicht muslimische Opfer gesucht hat. Sondern eben genau diese „Advokaten des Schweigens“ .

  5. Breivik, Ratio und p.c.
    http://freie-waehler-frankfurt.de/artikel/index.php?id=142

    Breivik ist sicher nicht geistig gesund, aber es ist kein Fehler, sich mit seiner Ideologie auseinandersetzen. Er hat die politische Korrektheit als das westliche Grundproblem angegeben. Da abweichende Meinungen zu Zuwanderung, Islam, usw. in NOR usw. gar nicht mehr artikulierbar seien, ohne gesellschaflich geächtet zu werden, wegen totalen Realitätsverlusts der Politik und Medien, und da der Bürgerkrieg ohnehin unabwendbar sei, sei seine Tat eine Art Notbremse und nur ein Vorgriff auf das was kommt….

    Die Probleme westlicher Gesellschaften mit Zuwanderung, Islam, legal jihad (Bawer: Sacrificing Freedom) bilden sich die Leute nicht ein. Die (teilweise Mainstream-)Meinung ist, bzw. war zumindest, das wäre reinste Paranoia. Eine Integrationsproblem gibt es ja erst seit kurzem. Und alles ist schuld, bis zum Klimawandel, nur ja nicht der Zuwanderer / dessen Kultur.

    Ich finde es irgendwie vorteilhaft, dass Breivik nicht für verrückt erklärt wurde, das hätte am Ende signalisiert: Islamkritik = Geisteskrankheit.

    Breivik konnte so oder so für immer weggesperrt werden, ich denke das Gericht/die öffentliche Erwartung wollte ihm nicht Krankheit als Entschuldigung gönnen. Dabei ist ein „freier Wille“ psychologisch ohnehin völlig illusorisch, sei er auch noch so produktiv. Es kann nur um Schutz der Gesellschaft vor Gefährdern gehen, nicht um Rache für eine Biographie, die zu 95+%(bes. bei Psychopathen) nicht im Einflussbereich des Betroffenen liegt.

    • Vielen Dank für ihren interessanten Kommentar.

      Der Artikel von G. Andreas Kämmerer ist interessant. Immer wenn der deutsche Schöffe Dietmar Näher alias Politblogger einen Artikel oder Autoren mit Hasstiraden und Beleidigungen überzieht, lohnt sich nach meiner Erfahrung die Lektüre des Originals. So wie in diesem Fall.

      Ich glaube allerdings weiterhin, dass Breivik schizophren ist.

      Sam Harris kenne ich nur am Rande. Fand ihn bisher nicht interessant genug. Wenn Harris glaubt, dass der freie Wille eine Illusion ist, dann stimme ich ihm in diesem Punkt schon einmal zu. Beim Feuerbringer meine ich gelesen zu haben, Harris sagt, Moral sei objektiv. Da stimme ich ihm dann nicht zu.

  6. Noch ein letzter Kommentar bzgl Ihrer Anmerkung: „Aber Texte, die nicht verständlich geschrieben sind, lehne ich ab. Hegel versteckt seine banalen Aussagen in komplizierten Schachtelsätzen. Das steht nichts dahinter. Genau wie bei Marx.“ (btw wie kann ich das auf wordpress als Zitat markieren – per html?)

    Ich denke Hegel versteckt sich nicht unbedingt hinter Schachtelsätzen. Haben Sie einmal einen längeren juristischen, deutschen Text gelesen – etwa vom Verfassungsgericht? Die Sprache ähnelt im Duktus dem schon sehr. Die Ursache liegt aber auch da nicht nur daran, dass man etwas verschleiern möchte, sondern daran das es Sätze in einem systemischen Zusammenhang sind. Das verlangt zum einen häufige Querverweise als auch eine gewisse eigene Sprache und Vokabular. Das Wort „Anerkennen“ kommt – heute selbstverständlich auch im Alltag genutzt – von Hegels Grundlinien des Rechts. Mit anderen Worten: Hegel hatte bei seinen Ideen auch mit den Limitierungen der Sprache zu kämpfen und musste für neue Konzepte ein eigenes Vokabular nutzen bzw. er hat zur Hervorhebung / Konstratierung ggüber Alltagsbegriffen und Konzepten auf seltsame Konstruktionen zurückgreifen müssen. Das ist nicht allein Gängelung des Lesers, sondern soll eben auch Missverständnissen vorbeugen, indem er sich eines abgegrenzten Vokabulars bedient. Das gibt es heute auch in der neuen analytischen Philosophie. Das ist auch eine der Hauptursachen, warum die Philosophie heute sich so wenig einmischt / einmischen kann. Ihre Themen und Erkenntnisse sind schwierig in die Alltagssprache zu transformieren, weil sie sehr voraussetzungsreich geworden sind. So ist zumindest meine Position dazu.

    Ich gebe ihnen aber vollkommen Recht. Das bringt das Problem mit sich, dass Pseudointellektuelle sich hinter Worthülsen verbarrikadieren und es nicht immer einfach ist die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich glaube auch, dass viele Linksintellektuelle von von Wortspielen verleiten lassen und in einer Scheinwelt diskutieren, aber dies würde ich wie gesagt nicht Hegel vorwerfen.

    Im Übrigen stimme ich Ihnen nicht zu, dass der Linkshegelianismus gewonnen hat. Carl Schmitt hat sicherlich trotz allem großen Einfluss auf das Rechtssystem der BRD gehabt. Und der war nun wahrlich kein Linkshegelianer. Allg. kann man aber sagen, dass Hegel sich auch mit sehr viel liberaleren Positionen vereinbaren lässt. Das ist aber nicht Zeichen seiner Mangelhaftigkeit, sondern systemisch gewollt, damit die Theorie eben vielfältig verwirklichbar ist.

    • Siep ist ja nicht Original Hegel. Er interpretiert Hegel. Aber schon das ist zu kompliziert ausgedrückt für mich. Da stellt sich nun die Frage, warum das so ist:

      1. Ein Sprach- oder Intelligenzproblem meinerseits.
      2. Hegel und Siep drücken Dinge unnötig kompliziert aus.
      3. Hegel und Siep schreiben über so komplex geniale Dinge, das eine Vereinfachung nicht möglich ist.

      Ich tippe wie gesagt auf Punkt 2.

      Das ist aber nicht Zeichen seiner Mangelhaftigkeit, sondern systemisch gewollt, damit die Theorie eben vielfältig verwirklichbar ist.

      Ja stimmt. Das ist das Kennzeichen dieser Art von Büchern. Man kann darin alles hineinlesen und nichts. Wie bei der Bibel auch. Ich mag diese Art von Büchern nicht.

      • Ich denke nicht, dass sie vollkommen beliebig sind. Sie sind jedoch auf verschiedene (nicht alle) Gesellschaftsmodelle anwendbar und mit einigen absolut nicht zu vereinbaren. Wie gesagt, das liegt nicht an der Beliebigkeit, sondern ist bewusst herbeigeführt, dass eine Adaption möglich ist. Natürlich kann ich mit einem Skalpell nicht nur einen Darmabschnitt entfernen sondern auch einfach ein Furunkel öffnen. Ich kann es aber auch Zweckentfremden und als Briefbeschwerer „missbrauchen“. Es ist aber nicht das Problem / der Fehler des Skalpells als Skalpell, wenn ich mich dann beim Greifen in die Post schneide.

        Ich denke nicht, dass 2tens zutrifft, sondern (3)tens und ein bisschen spielt (2) mit rein, weil eine präzise Terminologie (wie eben auch von Siep) es erschwert, dass eine Zweckentfremdung stattfindet. Außerdem glaube ich nicht, dass Sie wirklich der Überzeugung sind, dass Schriften wie auch Goethes Faust Schwachsinn beinhalten, nur weil es kompliziert an einigen Stellen geschrieben ist oder das Picasso keine Kunst ausführt im Vergleich zu Spitzweg, weil das nur undeutliches Gekrakel ist wie von einem Schulkind. Das heißt aber nicht, dass für sie (1) zutrifft. Ich kann ja auch nicht erwarten in einem medizinischen Fachjournal sofort alles zu verstehen. Man muss das Vokabular verstehen lernen und das braucht eben eine gewisse Geduld und Eingewöhnungszeit.

        Aber nur als Anmerkung… ich denke so kompliziert schreibt Siep nun nicht. Etwas Geduld und man hat ein großen Gewinn bei der Lektüre. Und btw ich bin kein Hegelianer. : )

      • Goethes Faust habe ich gerne gelesen. Das ist sehr lesbar. Die Kunst sind ja keine Schachtelsätze, die Kunst besteht darin komplizierte Dinge klar und verständlich zu beschreiben. Bei Hegel sehe ich diese Genialität nicht. Goethe ist wirklich lesbar. Schopenhauer auch.

        Das heißt aber nicht, dass für sie (1) zutrifft. Ich kann ja auch nicht erwarten in einem medizinischen Fachjournal sofort alles zu verstehen. Man muss das Vokabular verstehen lernen und das braucht eben eine gewisse Geduld und Eingewöhnungszeit.

        Ja das stimmt sicher auch. Ich habe einfach keine Lust auf Hegel, weil ich mittlerweile das Gefühl habe, da steht sowieso nichts Brauchbares drin.

      • Also ich für meinen Teil verstehe einen Großteil der modernen Kunst nicht. Was vlt. auch daran liegt, dass sie heutzutage nicht mehr die Aufgabe erfüllt, die Sie der Kunst zuschreiben (oder wenn dann nur partiell). Man muss sich oft detailliert mit den modernen Künstlern auseinandersetzen, um das Werk zu verstehen. Die Mühe habe ich mir bei Jonathan Meese gemacht, weil ich das oft so verrückt fand und auf der anderen Seite öfter etwas durchgeblitzt ist. http://www.youtube.com/watch?v=Aue-fnJNN28 (ab 1:58) … und da war mir irgendwo klar, dass da weitaus mehr dahinter ist. Naja aber ein Urteil kann man gerade bei Meese nur selbst treffen. ; )

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