Hekla, Breivik, RAF und Augstein – Aber bitte mit Sinn

Aron Sperber hat schon vor ein paar Tagen einen sehr guten Kommentar über die Attentatspläne des Iran auf den Botschafter Saudi-Arabiens in Washington abgeben.
Natürlich kann man diese Attentatspläne glauben oder nicht, das kann jeder halten wie er will. Ich selbst bin auch kein Hellseher. Ich kann nur unserer Regierung vertrauen. Eine Regierung, die sich natürlich auch immer einmal täuschen kann.

Zweifeln darf man also, nur sollte man es gut begründen können. Wie sehen also die Begründungen aus, die unserer Regierung nicht glauben wollen? Spätestens da musste ich schmunzeln. Die „Begründung“, die man so in Medien und Blogs liest, lautet in der Regel:

„Das ergibt ja keinen Sinn“


Selbst Zettel geht in diese Richtung.

Der Deutsche an sich sucht scheinbar gerne nach einem Sinn.

Es ist deshalb nur konsequent, dass auch die Irren von Teheran
von der deutschen Sinnsuche nicht verschont werden.

Ganz nach dem Motto: Die Mullahs machen ja sonst immer Sinn.

Das Warten auf den Mahdi macht Sinn.
Steinigen von Ehebrechern und Hängen von Homosexuellen: Macht Sinn.

Achmadinedschad: König der Ratio. Seine Reden vor der UN? Logik erster Güte. Kann man so ähnlich auch bei den Grünen oder bei Chomsky nachlesen. Macht alles sehr viel Sinn.

Und jetzt dieser absurde, amateurhafte Terrorplot?
Also bitte. Passt das zum iranischen Ratio-Regime? Natürlich nicht!
Das ergibt keinen Sinn.

9-11 ergibt übrigens auch keinen Sinn.
Das spricht schon einmal gegen Osama bin Laden. Noch so ein Mann der Ratio. Osama hätte geradezu seinen eigenen Tod verursacht. Das wäre ja abgrundtief dämlich.

Wir halten fest:
Bei 9-11 hieß es noch, dass der Anschlag viel zu komplex war. Das hätten die Islamisten niemals durchziehen können. Das ergäbe keinen Sinn.
Jetzt beim Attentatsversuch auf Adel al-Jubeir heißt es Islamisten würden niemals so stümperhaft vorgehen. Die seien viel zu intelligent.

Ich gebe zu: Beides macht Sinn.
Wenn man Verschwörungstheoretiker ist.

Was macht noch so alles Sinn?

Jede Kolumne von Krugman macht Sinn.
Jeder Aufmacher von Spiegel Online macht Sinn.
Jedes Buch von Chomsky und Finkelstein macht Sinn.
Jede Kolumne von Jakob Augstein macht eine Menge Sinn.

Wenden wir uns anderen Verbrechen zu.

Der Amoklauf von Jared Loughner war ein bisschen arg unsinnig, ein bisschen arg schizophren, weshalb ich mir noch am Tag des Attentates seinen youtube-Account angesehen habe und feststellte: Der Mann hat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine schwere Psychose.

Die amtlichen Psychiater kamen recht zügig zum gleichen Ergebnis. Der Amoklauf an sich ist dann aber absolut sinnfrei. Das darf natürlich nicht sein. Viele Menschen haben deshalb auch dank der Medien bis heute ein anderes Narrativ: Der Mann ist ein Rechtsextremer, ein Menschenhasser oder noch schlimmer: Ein Anhänger der Tea Party. Ja das macht Sinn. Ich denke damit ist auch der Deutsche zufrieden.

Auch der Massenmord von Anders Behring Breivik war absolut sinnfrei. So grotesk, so absurd, so nicht von dieser Welt, dass mir als Arzt nicht einleuchtet, warum man da nicht schon lange eine Diagnose hat. Breiviks Anwalt Lippestad, ein Sozialdemokrat, ist von der Geisteskrankheit und Schuldunfähigkeit seines Mandanten überzeugt, nicht jedoch die Presse und ihre Leser. Man will an einem tieferen Sinn festhalten: Islamkritiker und Neoliberale planen die Weltherrschaft oder so ähnlich.

Breivik wird man auch resozialisieren keine Frage. Da ist Norwegen nicht anders als Deutschland. Sonst ergäben Gefängnisstrafen ja keinen gutmenschlichen Sinn und das geht natürlich nicht.

Ich glaube der heftigste Vorwurf, den die Deutschen Hitler gemacht hätten (nach seiner Resozialisierung versteht sich), wäre nicht der Massenmord an Millionen Menschen gewesen, sondern dass „das Ganze ja mal überhaupt keinen Sinn“ gemacht hat.

Wie meinte Augstein in einer seiner vielen sinnvollen Kolumnen kürzlich:
„Um eines von vornherein klarzustellen: Gewalt ist keine Lösung.“

In anderen Worten: Gewalt macht keinen Sinn, sie trägt nicht zur Lösung bei.
Würde sie Sinn machen, dann wäre Augstein wohl Feuer und Flamme.

Der ganze Rest der Kolumne ist eine abscheuliche Rechtfertigung des Hekla-Terrors. Der eine Satz wirkt wie ein Fremdkörper, wie ein schlechtes Alibi.
(Edit: Augstein gibt zu, dass der Satz nicht von ihm stammt!)

Augstein beschreibt Aussagen linker Politiker für die die Hekla-Terroristen ein „wirrer Haufen von Chaoten“ sind. Es gäbe „keine verfestigte Organisationsstruktur“ und „keinen ideologischen Unterbau“. Das ist natürlich verwerflich, denn gäbe es eine Struktur und Ideologie, dann wäre ja alles sinnvoll. Oder wie darf man das verstehen? Es bleibt jedenfalls festzuhalten: Selbst linke Politiker sehen keinen Sinn in den Aktionen.

Ein echter Sinnsucher lässt sich aber von solchen Hindernissen nicht abhalten. Motto: Jetzt erst recht. Augstein ist ein solcher Sinnsucher. Ein echter Arschhochbeter, der es irgendwie schafft auch noch dem größtem Scheißhaufen einen Sinn zu geben. Die Hekla-Gruppe sei nämlich „ein Widerstand, der aus der Wurzel kommt“. Das „Denken einer verzweifelten Sehnsucht“. Ein „Aufstand“ und „eine Reaktion auf einen bereits erfolgten Zusammenbruch“. Das macht Sinn.

Der Brüller wäre es, wenn sich hinter Hekla eine rechtsextreme Terrorgruppe verbirgt. Bei den Methoden und Zielen gibt es kaum Unterschiede. Der Augstein käme mächtig ins Rudern. Er müsste erklären was in einem Hirn vorgeht, das natürlich rechtsextreme Brandanschläge sofort verurteilen würde, bei linken Brandanschlägen aber zu ganz anderen Schlüssen kommt.

Der Politiker Ströbele meinte auf Vergleiche von Hekla und RAF zur SZ: „Damit werden völlig unterschiedliche Sachverhalte und gesellschaftliche Situationen miteinander in Verbindung gebracht. Solche Vergleiche fallen auf die Urheber selbst zurück und zeigen, wie wenig sie die damaligen Vorgänge kennen und dass sie sie jedenfalls nicht verstanden haben.“

Ganz so als hätte der RAF-Terror einen tieferen Sinn gehabt,
ganz so als gäbe es dort irgendetwas zu verstehen.

Natürlich kann man Hekla und der RAF einen Sinn geben:
Wenn man total bekloppt ist.

Anmerkung:
Die Deutschen Sinnsucher hätten mal lieber auf einen echten Sinn hören sollen. Vorname Hans-Werner.

Wenn es dafür schon zu spät ist, wird der Deutsche vielleicht
bald neuen Ereignissen einen passenden Sinn geben dürfen:

Warum der Euro auseinanderbrach.
Warum es zu einer neuen Weltwirtschaftskrise kam.

Passende, altbewährte Narrative gibt es hier.

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5 Gedanken zu „Hekla, Breivik, RAF und Augstein – Aber bitte mit Sinn

  1. „It makes sense“ – „it makes no sense“: wäre zu wünschen, daß in diesen Bereichen für die „native speakers“ des Deutschen der Anklang an den Sensenmann mitschwingen würde. Vielleicht ist „Sinn“ hier nicht die rechte Vokabel. Die Regeln, nach denen solche Wahnsysteme eingerichtet sind, die Anlässe, die sie ausrasten lassen: vielleicht trifft das besser? Ob damit viel gewonnen ist, scheint allerdings zweifelhaft.

  2. Der Brüller wäre es, wenn sich hinter Hekla eine rechtsextreme Terrorgruppe verbirgt. Bei den Methoden und Zielen gibt es kaum Unterschiede. Der Augstein käme mächtig ins Rudern.

    Das stimmt, aber bei dem Bekennerschreiben voller Rassist_innen, Kämpfer_innen und Idiot_innen, doch eher unwahrscheinlich.

    • Achwas das sind einfach Rechtsextreme, die kapiert haben was man schreiben muss, um von Augstein gelobt zu werden. Der Name Hekla verrät sie allerdings. Diese Verehrung nordischer Naturgewalten spricht ganz klar für Rechtsextreme. 😉

  3. zum Sinn, den es angeblich nicht geben haben soll:

    im Iran wurden Atomphysiker durch Bomben getötet:

    http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/iran-bombenanschlaege-toeten-atomphysiker_aid_576849.html

    und auch stux.net war ein herber Schlag

    der in den Medien als harmoser Tölper portraitierte US-Iraner, stellte wohl eine Gelegenheit dar, es den Feinden heimzuzahlen.

    Terror ist meistens eine „Gelegenheits“-Sache.

    siehe Gaddafi in den 70ern und 80ern als er die Abu Nidal-Gruppe und vor allem die Carlos-Weinrich-Bande zur Verfügung hatte.

    die Turbulenzen am Ölmarkt wären übrigens auch ein schöner Nebeneffekt der Tat für die Ölmullahs gewesen.

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