London und die Nicht-Existenz der deutschen Konservativen

Die erste Medienkampagne, welche versucht hat die Gewalt in Grobritannien als Aufstand der Arbeiterklasse darzustellen und voller Verständnis war, kam nicht an beim Leser. Also muss eine neue Theorie her:

Nicht Protest trieb die brutal zuschlagenden Plünderer auf die Straßen, sondern reiner Konsumrausch. Banker, Politiker und Medienmogule haben die Gier salonfähig gemacht.
(Spiegel)

Und noch einmal:

Woher kommt diese Wut?
Die Krawalle in England sind schlimm. Doch die Plünderer haben ein Vorbild für ihre Gier: das britische Establishment
(FAS)

Wer mit Bankern, Politikern, Medienmogulen und dem Establishment angesprochen wird, ist klar: Die Ackermanns, die Camerons, die Murdochs und überhaupt alles Rechte.

Unschuldig sind die Strauss-Kahns, die Blairs, die Augsteins und andere Linke dieser Welt. Und schon gar nicht verantwortlich für ihre Taten sind die Plünderer selbst.

Die Theorie hat sich absolut nicht geändert, man benutzt nur andere Worte.

Man weiß schon lange, dass deutsche „Konservative“ nur noch nachplappern, was Spiegel, SZ und taz vorkauen, aber ab heute ist es offiziell: Die Frankfurter Allgemeine stellt eigene Gedanken ein.

Der Herausgeber Frank Schirrmacher feiert – passend zur Theorie „Die Rechten sind schuld“ – einen Artikel von Charles Moore. Jedenfalls die Stellen, die Schirrmacher gefallen, denn auch ein Moore ist für Schirrmacher schon „erzkonservativ“.

Der Kommentar von Schirrmacher hätte wirklich gut sein können. Zum Beispiel eine Abrechnung mit der Merkel-CDU, die in der Wirtschaft- und Finanzpolitik auf extreme Weise konservative Werte verraten hat.

Oder es hätte ein Rundumschlag werden können, denn im Grunde began der Verrat schon spätestens unter Helmut Kohl mit der Euro-Einführung.

Es hätte auch ein wirklich mutiges, bisher unausgesprochenes Lob sein können auf die so verhassten nationalistischen, rechten Parteien Europas, die sich von Anfang vehement gegen diese Politik gestemmt haben.

Oder ein Lob auf die wenigen deutschen Dissidenten und Intellektuellen, die bis heute tapfer gegen den Verrat ehemals konservativer Kernkompetenzen ankämpfen.

Aber davon kein Wort. Schirrmacher hat erhebliche Probleme mit rechten Ideen, die Zustimmung zu linken Ideen dagegen fällt ihm regelmäßig sehr leicht.

Es geht Schirrmacher nicht wirklich darum, dass die gegenwärtige bürgerliche Politik falsch ist, sondern viel erstaunlicher sei, dass die Annahmen ihrer größten Gegner richtig seien.

Welche Annahmen das bitteschön sein sollen, wird bestenfalls angerissen. Das politische System diene nur den Reichen, ist wohl die eine Annahme. Das Schlagwort „Neoliberalismus“, der „wie eine Gehirnwäsche über die Gesellschaft kam“, die andere. Nichts Tiefgründiges, nichts Neues, nur Klischees.

Schirrmacher tut so als hätten im Westen nie Linke regiert. Als wäre Cameron schon seit 20 Jahren Regierungschef. Als wäre der Neoliberalismus eine Erfindung der 80er Jahre und das Grundübel unserer Zeit.

Schirrmacher kritisiert weniger den Verrat konservativer Ideen, sondern die konservativen Ideen selbst.

Moores Murdoch-Bashing ist vorhersehbar wohlfeil. Moore arbeitet wie Schirrmacher für die Konkurrenz. Das erklärt manches aber entschuldigt nichts. Immerhin endet Moore mit einer wahren Erkenntnis:

The Left’s blind faith in the state makes its remedies worse than useless. But the first step is to realise how much ground we have lost, and that there may not be much time left to make it up.

Bei Schirrmacher fehlt diese Erkenntnis. Kein Wort darüber, dass die Linken die Schulden-, die Einwanderungs- und die Internationalisierungspolitik mindestens so extrem forcieren wie die Mainstream-Rechten. Kein Wort davon, dass die linke „Opposition“ im Bundestag bei den entscheidenden Fragen gar keine Opposition darstellt, da Schwarz-Gelb schon alle linken Ideen umsetzt. Die deutsche konservative Regierung hat kein eigenes Konzept, Merkel ist eine Frau ohne Eigenschaften. Die einzige Kritik der Opposition ist deshalb folgerichtig, dass Merkel den Weg in die Transferunion noch schneller und noch umfassender bestreiten müsse.

So ist es auch bei der Frankfurter Allgemeinen. Sie ist überflüssig, intellektuell nicht mehr existent. Wenn noch Ideen verfolgt werden, dann sind es linke Ideen. Der Euro ist eine typisch linke Idee, die in der Transferunion enden wird. Bail-outs sind nicht rechts, Bail-outs sind links. Der Neoliberalismus hat nicht die Gesellschaft gehijacked, die linke Mehrheitsgesellschaft hat den Neoliberalismus sozialisiert: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Niemand darf mehr Pleite gehen.

Merkel hatte ein einziges, mickriges rechtes Projekt mit der AKW-Verlängerung, das kläglich gescheitert ist. Die FAZ hat schon jahrelang gar keine eigenen Projekte mehr. Man klaut sich alles bei den Linken zusammen. Der letzte vollmundig angekündigte „Anstoß zur Debatte“ trug den bezeichnenden Titel: Der Sozialismus ist gar nicht so übel. Ein Artikel so voller kindischer FDJ-Zeltlager-Romantik, dass man froh sein muss ihn online nicht abrufen zu können.

Rechte Ideen sind von FAS und FAZ nicht zu erwarten. Aber links scheint weiterhin mehr als genug Platz zu sein. Immer wenn man meint der Tiefpunkt sei erreicht, findet Schirrmacher zielsicher einen neuen Rock Bottom.

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5 Gedanken zu „London und die Nicht-Existenz der deutschen Konservativen

    • Stimmt der Kommentar ist wirklich gut. Fast alle wesentlichen Punkte sind enthalten. Sogar die Tea Party ist dabei, die hatte ich weggelassen, da nicht europäisch.

      Was bei Wergin ein bisschen fehlt, ist der Punkt, dass die Linke es eben nicht besser machen würde, sondern viel schlimmer. Die Linke würde Merkels Richtung verfolgen, nur noch extremer.

      Die Tea Party ist natürlich essentiell. Wergin meint ja sie wäre von „Eliteninteressen“ gehijacked. Das ist ein bisschen arg vereinfachend. Als gäbe es „die Elite“ und „die Interessen“. Fakt ist die Tea Party hat andere Ziele als die etablierten Kräfte. Das ist das Entscheidende. Es geht erst einmal nicht darum, wer „Recht“ hat und wer nicht, das ist sowieso standpunktabhängig. Es geht darum, dass man überhaupt wieder eine Auswahl zwischen wenigstens zwei Alternativen hat.

      In Deutschland hat man ja nicht einmal mehr diese Mindest-Auswahl. Wer andere Standpunkte vertritt ist ein Klimaleugner, ein Rechtspopulist, ein Rassist oder gleich ein Nazi. Es ist wie in der DDR: Im Angebot sind Gurken und Bananen. Und wer die Banane will, bekommt trotzdem die Gurke.

  1. Ganz so nichtexistent sind die deutschen Konservativen nicht, ich kenne wenigstens vier oder fünf Leute, die man so bezeichnen könnte…
    Aber sie haben ein Sprachproblem, die Konservativen in Deutschland. Schon die „rechts“/“links“-Gegenüberstellung, die Sie gebrauchen, wie in Amerika üblich, leitet im deutschen Sprachraum in die Irre: Hier signalisiert die Bezeichnung „rechte Ideen“ nicht selbstverständlich weniger Staat, mehr Freiheit, mehr Selbstverantwortung; sie meint oft auch Spielformen des nationalistischen Kollektivismus – also mehr Staat, weniger Freiheit, weniger Selbstverantwortung. Deshalb tun Sie – bitte erlauben Sie mir, dies zu bemerken – Ihrem Anliegen keinen Gefallen, wenn Sie „rechts“ und „konservativ“ synonym gebrauchen.

    • Hier [in Europa] signalisiert die Bezeichnung „rechte Ideen“ nicht selbstverständlich weniger Staat, mehr Freiheit, mehr Selbstverantwortung; sie meint oft auch Spielformen des nationalistischen Kollektivismus – also mehr Staat, weniger Freiheit, weniger Selbstverantwortung. Deshalb tun Sie – bitte erlauben Sie mir, dies zu bemerken – Ihrem Anliegen keinen Gefallen, wenn Sie „rechts“ und „konservativ“ synonym gebrauchen.

      Ich benutze mit Absicht die amerikanische Definition von „rechts“, die deutschsprachige „Definition“ erscheint mir widersprüchlich bis unsinnig bis gar nicht vorhanden.

      Es ist ja gerade ein zentrales Anliegen dieses Blogs die klare amerikanische Aufteilung zwischen rechts und links darzulegen. Beide Seiten haben bei uns ihre Berechtigung, in Deutschland dagegen fehlt die rechte Seite komplett. Der Flug eines Adlers mit nur einem (linken) Flügel wird auf Dauer nicht gut gehen. Das ist meine Motivation.

      Aber bleiben wir doch mal bei Ihrem Anliegen, ich solle „rechts“ und „konservativ“ nicht als Synonyme gebrauchen. Als Grund geben sie an die Bezeichnung „rechte Ideen“ sende in Deutschland widersprüchlich Signale aus. Das stimmt! Aber ist das beim Wort „konservativ“ etwa anders?!

      Was soll „konservativ“ bedeuten? Mehr Staat oder weniger Staat? Mehr Eigenverantwortung oder weniger? Das ist aus meiner Außensicht im Deutschen genauso wenig definiert wie der Begriff „rechts“. Aus meiner Sicht müssten „konservativ“, „bürgerlich“ und „liberal“ (bei uns libertär) Synonyme sein für „rechts“. Sie sind es in Deutschland aber nicht. Es sind Ersatzwörter, die ihren rechten Kern verleugnen sollen!

      Der frühere bayerische MP Strauss hat noch gesagt: „Rechts von mir kommt nur die Wand.“ Das ist heute nicht mehr der Fall. Kein Politiker will in Deutschland mehr „rechts“ sein. Schon „rechts der Mitte“ gilt man als Nazi, mindestens aber als verdächtig.

      Deshalb denken sich die Witzfiguren von heute auch lächerliche Ersatzwörter wie „bürgerlich“ aus. Das hat immer noch mit der Nazizeit zu tun. Die Linken haben es in Deutschland erfolgreich geschafft, die Nazis als „rechts“ darzustellen und diese Tendenz wird interessanterweise eher stärker als schwächer.

      Dieser Sicht muss man offen entgegentreten und darf sich nicht hinter irgendwelchen Ersatzwörtern verstecken. Man muss wie William F. Buckley glaubwürdig für die rechte Sache eintreten, sie verteidigen und sie immer wieder verständlich erklären.

      Das permanente Verleugnen und Verraten der rechten, konservativen, liberalen Sache dagegen führt in die Alternativlosigkeit über die ich immer wieder schreibe.

  2. Haben Sie vielen Dank für Ihre Antwort.

    Sie haben völlig recht, daß in Deutschland große Verwirrung bezüglich der Begriffe „rechts“, „konservativ“ und „bürgerlich“ herrscht.

    Ich wollte darauf hinaus, daß unter diesen – allesamt unklaren – Begriffen das Wort „rechts“ die am wenigsten geeignete Alternative ist, weil es an viele Menschen in Deutschland an obrigkeitsstaatliche Traditionen, preußischen Militarismus u.ä. gemahnt. Ob das so sein müsse, ist eine andere Frage. Aber es ist eine Tatsache – im deutschen „Diskurs“ (ich mag das Wort nicht).

    Wie Sie schreiben, ist die amerikanische Diskussion von diesem Problem frei, so daß sich einfacher klar ausdrücken läßt, was man meint. Ich gäbe viel, wenn dem in Deutschland auch so wäre!

    Aber es ist nun einmal nicht so. Deshalb meine Anmerkung. Sie haben völlig recht, wenn Sie dieses Problem mit der Nazi-Zeit und deren Interpretation verknüpfen; mir scheint jedoch, das Problem sei älter.

    Wollen wir sehen, daß wir’s trotzdem hinkriegen! Es gibt ja jenseits der Etiketten (labels) noch die Argumente. Und da haben diejenigen Liberalen und/oder Konservativen, die in den Vereinigten Staaten als „rechts“ oder „sehr rechts“ bezeichnet würden, für gewöhnlich die besseren Schnitte als die Leute auf der Linken.

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